Zum Inhalt springen
Omegacene
EN Anmelden

Hauptkapitel · V.8

Wirtschaft zwischen Transzendenz und Entropie

Prüfung des Wirtschaftsbegriffs zwischen thermodynamischer Schranke und automatisierter Produktion. Empirisch in den Abschnitten I bis III und V, mit ausgewiesener Belegstärke in den Anmerkungen; die Entropiesteuer in Abschnitt I und die regenerative Ökonomie in Abschnitt IV sind Entwürfe und als solche gekennzeichnet, ihre Folgewirkungen theoretisch extrapoliert; Abschnitt VI ist ausdrückliche Spekulation und als Belastungsprobe im Text markiert; Abschnitt VII extrapoliert gegenwärtige Tendenzen; Abschnitt VIII bewegt sich zwischen Spekulation und Fiktion und sagt dies in seinem ersten Satz.

Jede ökonomische Handlung, von der Förderung eines Rohstoffs bis zur Ausführung eines Algorithmus, ist ein thermodynamischer Vorgang, ein Umsatz von Energie. Im Omegacene wird die Wirtschaft deshalb zu einem Wettstreit um Negentropie, um die Fähigkeit, Ordnung und Komplexität gegen den allgemeinen Zerfall zu erzeugen. Die Fraktionen konkurrieren um Kapital, mehr noch um Energieflüsse und um die Möglichkeit, ihre Entropiekosten, also den von ihnen erzeugten Zerfall, auf andere abzuwälzen. Die alten Grundpfeiler der modernen Wirtschaft, Arbeit, Ressourcen, Kapital, geraten dabei nicht bloß ins Wanken, sie geraten ins Rutschen. Die Automatisierung verschiebt die Tätigkeiten und entwertet die alten Erzählungen vom Nutzen. Synthetische Materialien unterlaufen die Abhängigkeit von der Geologie. Das Kapital löst sich weiter ins Digitale, zu reinem Code, der mit Lichtgeschwindigkeit durch die globalen Netze fließt.

Die Wirtschaft war immer beides, Strukturgeberin von Wohlstand und Innovation und zugleich Maschine der Ausbeutung, der Ungleichheit und der ökologischen Verwüstung. An der Schwelle zu einer posthumanen Wirklichkeit verschieben sich ihre Koordinaten grundlegend. Der Mensch und seine begrenzten Bedürfnisse stehen immer weniger im Zentrum, und an ihre Stelle rücken Systeme, die selbständig handeln. Sie berechnen Märkte, bevor ein menschlicher Händler seinen ersten Kaffee getrunken hat, sie steuern Produktionsketten mit einer Effizienz, die keine menschliche Logistik erreicht, und sie verwalten Kapitalströme, die das Bruttoinlandsprodukt ganzer Kontinente übersteigen, oft jenseits des menschlichen Verständnisses und meist jenseits öffentlicher Nachvollziehbarkeit. Was geschieht, wenn die Rechenleistung zur Leitwährung wird, die Information zur umkämpften Ressource und das Bewusstsein zum letzten Substrat der Ökonomie?

I. Das materielle Fundament der Transzendenz

Die Vision einer posthumanen Zukunft, wie die Transhumanisten sie entwerfen, ist eine Erzählung der Entkörperlichung. Sie verspricht den Aufstieg in eine schwerelose Welt der Information, unsterbliche digitale Existenzen, die durch Gärten aus Licht wandeln, transhumane Körper, die durch technische Erweiterungen die Fesseln der Biologie sprengen. Diese Vision hat ein materielles Geheimnis. Ihre Existenz hängt untrennbar an einer energiehungrigen, abfallproduzierenden Grundlage. Jede digitale Seele hinterlässt einen physischen Fußabdruck, jede Unsterblichkeit gräbt Narben in den Planeten. Wir nennen das die ontologische Thermodynamik, denn jeder Akt der Wirklichkeitsgestaltung, jede Simulation, jede Bewusstseinsinstanz, jeder erzeugende Prozess, verbraucht Energie und erzeugt Zerfall. Physikalisch betrachtet ist die Wirklichkeit das teuerste Produkt.

Hier sitzt der eigentliche Denkfehler der Transzendenz-Erzählung, und er lässt sich mit dem Vier-Level-Modell genau benennen. Die Geschichte von der schwerelosen Information spielt im symbolischen Code und auf dem Aktualisierungslevel, also bei den Erzählungen und Zielbildern, doch die bindende Schranke steht auf dem Strukturlevel, in den thermodynamischen Grenzen von L4f, an denen keine Intervention ansetzt und die kein Narrativ verschiebt. Wer die Eingriffstiefe verwechselt, hält für überwunden, was bloß ausgeblendet wurde.

Schon der Energiehunger zeigt das. Jeder Gedanke einer künstlichen Intelligenz, jede Sekunde in einer simulierten Welt, jeder Datenfluss zwischen Gehirn und Implantat verlangt Energie. Die großen Sprachmodelle des frühen 21. Jahrhunderts geben einen Vorgeschmack. Alex de Vries rechnete 2023 vor, dass allein Googles KI im ungünstigsten Fall so viel Strom verbrauchen könnte wie ganz Irland, rund neunundzwanzig Terawattstunden im Jahr, sollte jede einzelne Google-Suche über ein KI-Modell laufen. Sektorweit veranschlagte er die KI-bedingte Stromnachfrage bis 2027 auf fünfundachtzig bis hundertvierunddreißig Terawattstunden, vergleichbar mit dem Jahresverbrauch der Niederlande, Argentiniens oder Schwedens. Heute verbrauchen die Rechenzentren weltweit rund anderthalb Prozent des Stroms, und die Internationale Energieagentur erwartet bis 2030 eine Verdoppelung auf knapp drei Prozent, mit deutlich höheren Werten in einzelnen Regionen wie den USA, wo sich die Last örtlich ballt. Das klingt zunächst beherrschbar. Skaliert man es aber, und dies ist nun ausdrücklich Spekulation, auf dauerhaft fortbestehende, alle Sinne ansprechende Simulationen, die Milliarden von Bewusstseinen beherbergen, verlässt man den Bereich städtischer Nachfrage und betritt den nationaler oder kontinentaler Größenordnungen. Die Transzendenz des Geistes wird dann unmittelbar durch die verfügbaren Kraftwerke begrenzt. Die Vision einer schwerelosen digitalen Existenz ist, physikalisch gelesen, eine Vision gigantischer Fusionsreaktoren und eines Kampfes um jede Terawattstunde. Energie wird zur zentralen Engpassgröße. Was sich nicht mit Strom versorgen lässt, existiert nicht, und selbst wer sich am Hexus-Pol ausrichtet und die Biologie hinter sich zu lassen glaubt, müsste mit irdischen Akteuren um Energieträger und Kühlung verhandeln. Die Physik schlägt die Ideologie.

Die Energie ist nur der Anfang. Die Hardware des Omegacene, die Server, die Quantenrechner, die technisch erweiterten Körper, besteht aus den seltensten Materialien der Erde, und so führt die Flucht aus der Biologie in eine tiefere Abhängigkeit von der Geologie. Dem Gehirn nachgebaute Chips, Sensoren und Energiespeicher brauchen Neodym, Dysprosium, Lithium, Kobalt, mit allen bekannten ökologischen und sozialen Folgen. Die Minen im Kongo, die Lithium-Salzwüsten Südamerikas, die Raffinerien der Seltenen Erden in China sind die unsichtbaren Fundamente jeder posthumanen Utopie. Auch das Wasser zählt dazu, denn Rechenzentren verbrauchen erhebliche Mengen zur Kühlung, und in trockenen Regionen entstehen schon heute Nutzungskonflikte zwischen Rechenlast, Landwirtschaft und Trinkwasser, von den Anlagen in Arizona bis zu denen in den Niederlanden. Die posthumane Zukunft ist keine körperlose Utopie, sie ist eine Wirtschaft, die auf der oft gewaltsamen Förderung endlicher planetarer Ressourcen beruht.

Und sie erzeugt einen Müll neuer Art. Was geschieht mit einem veralteten technischen Arm, wenn ein besseres Modell erscheint, wohin mit einem Implantat der ersten Generation, das zu keinem neuen Betriebssystem mehr passt? Komplexe Verbundstoffe, toxische Stoffe und die Restdaten in Neuro-Chips ergeben einen Sondermüll aus Materiellem und Persönlichem zugleich. Die noch verwertbaren Erinnerungsfragmente in entsorgten Implantaten eröffnen ein Feld, das man nur als ontologische Leichenfledderei bezeichnen kann, den illegalen Handel mit den kognitiven Rückständen anderer.

Wie ließe sich eine Wirtschaft gestalten, die diese ausgelagerten Kosten sichtbar macht? Die heutigen Instrumente, vom CO₂-Preis bis zur Ökobilanz, erfassen jeweils nur Teilaspekte, weil sie einen identifizierbaren Schaden voraussetzen, eine Emission, eine Giftigkeit, einen Flächenverbrauch, der sich bepreisen lässt. Die Entropiesteuer, angeregt durch die Bioökonomie von Nicholas Georgescu-Roegen, setzt an einer anderen Stelle an. Ihr Gegenstand ist nicht der Schaden, ihr Gegenstand ist die Irreversibilität. Sie besteuert den grundlegenden thermodynamischen Verlust, die endgültige Verwandlung geordneter, konzentrierter Materie und Energie in zerstreutes Chaos, das sich nie wieder vollständig einsammeln lässt. Drei Punkte unterscheiden sie von einer bloß erweiterten CO₂-Steuer. Sie erfasst die Zerstreuung, nicht nur die Emission, denn ein Prozess, der keine messbaren Schadstoffe freisetzt, aber ein konzentriertes Erzlager unwiederbringlich in Milliarden global verteilter Mikropartikel verwandelt, wäre nach der alten Logik sauber und nach der Entropie-Logik hoch besteuert. Sie bewertet den Verlust an Trennbarkeit bei der Entsorgung, denn ein Produkt aus verschmolzenen Legierungen oder hybrider Bio-Elektronik vernichtet Wert nicht nur durch Recyclingkosten, es vernichtet ihn durch die Zerstörung jeder künftigen Nutzbarkeit. Und sie bezieht den kumulierten Rechendurchsatz ein, denn ein Server, der über Jahre Energie in Abwärme verwandelt, ohne ein physisches Produkt zu hinterlassen, entwertet dennoch beständig nutzbare Energie. Bemessen würde all das entlang von vier Größen, dem Rohstoffeinsatz nach Menge, Seltenheit und Konzentration, dem Energieeinsatz über den gesamten Lebenszyklus einschließlich der Rechenlast digitaler Existenzen, der irreversiblen Zerstreuung von Materie und Energie und schließlich dem thermodynamischen Aufwand, der nötig wäre, um aus dem Abfall wieder nutzbare Ordnung zu gewinnen. Ein einfach zerlegbares Produkt aus nachwachsenden Stoffen würde niedrig besteuert, ein energieintensiver technischer Körper aus untrennbaren Nanoverbundstoffen so hoch, dass seine Herstellung sich kaum noch lohnte.

Das Modell hat eine harte Grenze. Ohne weltweite Abstimmung entsteht ein Schattenmarkt, eine dunkle Entropie, getragen von undurchschaubaren Lieferketten, der Verlagerung in unregulierte Gebiete, illegalem Rohstoffabbau und systematischer Umgehung der Nachweispflichten. Der Preis einer thermodynamisch bewussten Wirtschaft ist weniger technischer als politischer Natur, denn sie verlangt eine globale Steuerung und radikale Transparenz, Voraussetzungen, die in einer zerfallenen Welt schwer zu erfüllen sind. Hinzu kommt das Messproblem, denn die Entropieproduktion ist als physikalische Größe zwar definiert, für komplexe industrielle Prozesse aber kaum in Zahlen zu fassen, sodass die Steuer auf Ersatzkennzahlen angewiesen wäre, die selbst zum Gegenstand politischen Streits würden. Die Entropiesteuer ist das richtige Instrument in der falschen Welt, oder sie braucht eine Form der Weltregelung, die es noch nicht gibt.

II. Die automatisierte Ökonomie und die Krise des menschlichen Werts

Künstliche Intelligenz ist schon heute das Rückgrat der Finanzmärkte. Ein System wie BlackRocks Aladdin überwacht Vermögenswerte von über zwanzig Billionen US-Dollar. Es ist keine Handelssoftware, es ist ein zentrales Nervensystem des globalen Finanzwesens, das Risiken in Echtzeit analysiert und die Portfolios von Pensionsfonds, Versicherungen und Staatsfonds steuert, und seine Entscheidungen, getroffen in stillen Serverfarmen, wirken auf das Leben von Millionen. Im Omegacene treibt sich diese Entwicklung zur Vollendung, und das ist eine theoretische Extrapolation. Märkte werden zu Gesprächen zwischen konkurrierenden KIs, die in Mikrosekunden handeln, ihre Logik für menschliche Aufseher ein undurchschaubares System. Der Mensch ist nicht mehr Akteur, bestenfalls noch eine Variable im Risikomodell.

Damit stellt sich die zentrale soziale Frage. Was geschieht, wenn viele Menschen für die Produktion überflüssig werden? Das bedingungslose Grundeinkommen wird als Antwort diskutiert, doch die Debatte ist vielschichtiger, als die einfachen Parolen vermuten lassen. Die negative Einkommensteuer in der Tradition Milton Friedmans will den Sozialstaat verschlanken und droht dabei die Arbeitsrechte zu schwächen. Die aus Gemeingütern gespeiste Bürgerdividende, wie sie der Alaska Permanent Fund auszahlt, bleibt in Umfang und Reichweite begrenzt. Und das volle Grundeinkommen, das alle Sozialleistungen ersetzen soll, stößt auf Finanzierungs- und Akzeptanzprobleme. Die empirischen Befunde sind aufschlussreich. In Finnland erhielten 2017 und 2018 zweitausend Arbeitslose monatlich fünfhundertsechzig Euro, was ihr Wohlbefinden und ihr Vertrauen stärkte, die Beschäftigung aber kaum berührte. Die direkten Geldzahlungen von GiveDirectly in Kenia verringerten die Armut und förderten das Unternehmertum, ließen sich aber schwer auf Industrienationen übertragen, und Indiens Pilotprojekt in Madhya Pradesh zeigte zwischen 2011 und 2013 ähnliche Wirkungen, bessere Ernährung, mehr Schulbesuch, gesteigerte Eigeninitiative, ohne dass es sich einfach auf nationale Maßstäbe hochrechnen ließe. Über allem steht die Sinnfrage, und sie ist an anderer Stelle verhandelt. Im Arbeitskapitel haben wir den Befund bereits gefällt: Die Existenzsicherung ersetzt keine Existenzbegründung, und ein Einkommen, das nur ernährt, beantwortet nicht, wozu jemand aufsteht. Hier bleibt deshalb allein die Finanzierungs- und Machtfrage, und sie ist hart genug.

Die größten Hindernisse für eine radikale Umverteilung, ob Grundeinkommen oder Maschinensteuer, sind politischer Natur, und im Fall der Maschinensteuer liegt davor ein zweites, das seltener benannt wird. Jede Umverteilung von den Gewinnern der Automatisierung zur breiten Masse stößt auf den organisierten Widerstand der Finanzelite, und libertäre Ideologien liefern die geistige Munition dazu. Wie die zähen Verhandlungen um eine globale Mindeststeuer zeigen, würde jeder Alleingang bei einer Maschinensteuer einen Unterbietungswettlauf auslösen, in dem Konzerne ihre KI-Operationen in digitale Steueroasen verlagern, sodass eine solche Steuer nur durch ein weltweites Abkommen durchsetzbar wäre, was angesichts der Rivalität zwischen den USA, China, Indien und der EU kaum lösbar erscheint.

Das zweite Hindernis ist älter und härter. Eine Steuer braucht eine zählbare Bemessungsgrundlage, und Maschinen sind nicht zählbar. Was in einem Rechenzentrum als eine Einheit gilt, ist eine Frage der Buchung. Ein Modell, das auf zwölftausend Beschleunigern läuft, lässt sich als ein System, als zwölftausend Geräte oder als eine Dienstleistung verbuchen, und jede dieser Buchungen ist vertretbar. Ein Softwareagent, der sich für die Dauer einer Aufgabe in vierzig Kopien teilt und danach verschwindet, hat keine Einheit, an der eine Finanzverwaltung ansetzen könnte. Es fehlt die Zählregel, ohne die keine Abgabe operiert, und sie fehlt aus demselben Grund, aus dem sie im Recht der Person fehlt. Wo eine solche Regel nicht besteht, entsteht sie durch Definition, und wer die Definition schreibt, verteilt damit die Last. Der praktikable Zugriff bleibt deshalb der bestehende. Besteuert wird der Gewinn und diejenige Person oder Gesellschaft, die ihn vereinnahmt. Wer Eigentum hält, ist bereits gezählt, wer Gewinn ausweist, ist bereits erreichbar. Eine Maschinensteuer wäre demgegenüber ein neues Register für einen Gegenstand, der sich dem Registrieren entzieht.

Aus demselben Grund speist die 2030-Skizze des Arbeitskapitels ihr Einkommen aus einer Steuer auf die mit Maschinen erzielten Gewinne und nicht aus einer Abgabe auf die Maschinen selbst: Der Gewinn ist gezählt, die Maschine nicht.

Und die naheliegende Idee, die Tech-Giganten nach dem Vorschlag von Jaron Lanier für die Nutzung unserer Daten zahlen zu lassen, erweist sich bei näherem Hinsehen als Falle, denn der Wert der einzelnen Daten wäre verschwindend gering, die Macht der Konzerne liegt in der Bündelung, und ein solches Modell würde den Kapitalismus der Überwachung legitimieren, statt ihn herauszufordern. Wir würden für unsere eigene Überwachung bezahlt. Die Debatte entlarvt eine bittere Wahrheit. Die herrschenden Strukturen verfügen über eine nahezu perfekte Abwehr gegen jede radikale Umverteilung.

III. Die neuen Währungen der Macht

In dem Machtvakuum, das die Lähmung der traditionellen Politik hinterlässt, etablieren sich neue Instrumente ökonomischer Souveränität. Transhumanistische Eliten und Bewegungen, die einen Markt ganz ohne Staat anstreben, sehen in den Kryptowährungen das ideale Werkzeug, um sich dem Zugriff des Staates zu entziehen. Sie ermöglichen Ökonomien jenseits jeder staatlichen Hoheit, in denen Erweiterungen, digitale Existenzen und illegale Dienste frei von Steuern und Regeln gehandelt werden, eine Abkopplung der Reichen vom Schicksal der Vielen, die Ökonomie der Archen. Die dezentralen Finanzplattformen, kurz DeFi, könnten theoretisch gerechtere, unmittelbar zwischen den Beteiligten ablaufende Systeme schaffen, werden in der Praxis aber eher zu unregulierten Arenen, in denen konkurrierende Systeme mit in Wertmarken zerlegten Vermögenswerten spekulieren. Es ist dieselbe Kaskadenlogik, die 2008 wirksam wurde, bei höheren Verkettungsgraden und ohne die Aufsichtsstellen, die damals eingegriffen haben; wie weit sie trägt, ist offen.

Die mächtigste Antwort der Nationalstaaten auf diese private Geldschöpfung sind die digitalen Zentralbankwährungen, kurz CBDCs. Eine solche Währung ist keine Kryptowährung, sie ist die digitale Form des staatlichen Papiergeldes, direkt von der Zentralbank ausgegeben, und sie ist das womöglich ultimative Kontrollinstrument. Mit ihr kann der Staat jede Transaktion in Echtzeit überwachen. Er kann das Geld programmierbar machen, mit einem Verfallsdatum versehen, um den Konsum anzukurbeln, oder nur für bestimmte Güter freigeben, und er kann Einzelne oder Gruppen per Knopfdruck vom gesamten Wirtschaftssystem abschneiden. Chinas digitaler Yuan ist der Vorreiter. Indien erprobt seit 2022 die digitale Rupie und verfügt mit UPI zugleich über eine Zahlungsschiene, die zeigt, wie sich eine solche Währung bereits in einer Demokratie im Alltag von Hunderten Millionen Menschen verankern ließe; Nigerias eNaira dagegen zeigt die Ambivalenz, wenn ein solches System auf schwache Institutionen und eine große Schattenwirtschaft trifft. Die entscheidende Gestaltungsfrage lautet, wie sich Privatsphäre, Stabilität und Steuerbarkeit ausbalancieren lassen, ohne dass die Effizienz in Totalisierung kippt.

IV. Die regenerative Ökonomie

Angesichts der politischen Unmöglichkeit globaler Umverteilung und der Kontrollmacht der digitalen Zentralbankwährungen entwerfen die Biohumanisten eine Alternative. Ihr Modell zielt nicht auf die Reform des globalen Systems. Es zielt auf dessen Unterwanderung durch den Aufbau paralleler, widerstandsfähiger Strukturen. Sie nennen es die regenerative Ökonomie, keine Utopie von oben, eine Strategie, die von unten wächst wie ein Myzel, das unterirdische Pilzgeflecht, das den Waldboden durchdringt. Das Modell bricht mit dem Dogma vom unendlichen Wachstum und ruht auf drei Prinzipien. Die Wirtschaft ist ein Teilsystem der Biosphäre und muss innerhalb der planetaren Grenzen bleiben, wie es die Donut-Ökonomie von Kate Raworth beschreibt. Vielfalt, Dezentralität und Redundanz gelten als Stärke und nicht als Ineffizienz. Und Ressourcen wie Land, Wasser und Wissen werden als Gemeingüter verstanden, die für kommende Generationen treuhänderisch bewahrt werden.

Die praktische Umsetzung verbindet Hochtechnologie mit lokaler Eigenständigkeit. Eine doppelte Währung des Wohlergehens trägt das System. Die einen Marken, eine Art Bürgerdividende, sichern die bedingungslose Grundversorgung mit Gütern, die vollautomatische Kreislaufwirtschaften erzeugen, Nahrung, Wohnraum, Energie, und ihre Stabilität gründet nicht auf Gold oder Staatsanleihen, sie gründet auf der real gemessenen regenerativen Kapazität der jeweiligen Bioregion, also des nach ökologischen statt politischen Grenzen gefassten Gebiets. Die anderen Marken, eine Regenerationsprämie, werden für Tätigkeiten vergeben, die Öko- und Sozialkapital aktiv wiederaufbauen, für Aufforstung, Flussrenaturierung, die Pflege älterer Menschen, die Weitergabe von Wissen, verbucht über ein gemeinschaftliches Messnetz. Das Privateigentum an Land und produktiven Ressourcen weicht zeitlich begrenzten Nutzungsrechten, die an ökologische und soziale Auflagen geknüpft sind und von gemischten Treuhänderräten aus gelosten Bürgern, KI-Anwälten und Wächtern der Zukunft vergeben werden. Und globale Lieferketten werden durch lokale Werkstätten ergänzt, ausgestattet mit biologischen Fertigungsanlagen und molekularen Zerlegern, während ein digitaler Materialpass sicherstellt, dass jedes Produkt am Ende vollständig in Grundstoffe zerlegt und wiederverwendet wird.

Das Modell ist nicht frei von Widersprüchen, und die schärfste Kritik kommt aus dem eigenen Maschinenraum. Die Vision lokaler Produktion verschweigt die immense Komplexität, die zur Herstellung der Fertigungsanlagen selbst nötig ist, denn der lokale Garten wird mit Maschinen bestellt, die nur durch globale, extraktive Industrie möglich sind. Zugleich erzeugt das Messnetz, das allein über den Wert entscheidet, einen Konformitätsdruck, denn belohnt wird nur, wer messbar beiträgt. Der exzentrische Denker, der unproduktive Träumer, der radikale Kritiker drohen zu Parasiten eines Systems zu werden, das nur den zählbaren Beitrag anerkennt. Der Aufbau erfolgt nicht durch Revolution, er erfolgt durch eine schrittweise wirtschaftliche Abspaltung, zuerst durch bioregionale Pilotprojekte, die Land dem spekulativen Markt entziehen, dann durch lokale Zweitwährungen, danach durch quelloffene Technologien für dezentrale Energie und Kreislaufwirtschaft und schließlich durch den Zusammenschluss erfolgreicher Bioregionen, der im Moment des großen Zusammenbruchs als Alternative bereitsteht.

V. Geopolitik und die Systemfrage

Diese alternativen Ökonomien entstehen nicht im luftleeren Raum, sie entstehen im Zentrum eines neuen geopolitischen Konflikts. Die folgenden Blöcke sind Verdichtungen einer vielschichtigeren, vielpoligen Wirklichkeit, doch sie markieren die wichtigsten Schwerkraftzentren ökonomischer Macht. Der amerikanische Block verteidigt, angeführt von den Tech-Konzernen und der Wall Street, das Modell des unregulierten digitalen Marktes, bekämpft globale Steuern und verkauft die transhumanistische Vision individueller Optimierung als marktfähiges Produkt, und seine Stärke liegt in der Bündelung von KI-Forschung, Risikokapital und kultureller Vormacht über die globalen Plattformen. Der chinesische Block perfektioniert den staatlich gelenkten Digitalkapitalismus, mit digitalen Zentralbankwährungen und sozialen Kreditsystemen als Instrumenten umfassender Kontrolle und mit KI und Biotechnologie als Werkzeugen nationaler Macht, und seine digitale Seidenstraße exportiert diese Infrastruktur in Dutzende Länder Asiens und Afrikas und schafft technologische Abhängigkeiten, die die klassische Entwicklungshilfe ablösen.

Der indische Block verfolgt eine hybride Strategie, die oft unterschätzt wird. Mit UPI hat Indien die weltweit größte digitale Zahlungsinfrastruktur geschaffen, die weder rein staatlich noch rein privat ist, und es verbindet eine massenhafte demokratische Identitätsinfrastruktur, das biometrische System Aadhaar mit seinen 1,4 Milliarden Datensätzen, mit offenen Protokollschichten, auf denen private Innovation möglich bleibt. Zugleich positioniert sich Indien als Stimme des globalen Südens, die eigene Standards setzt und weder dem Silicon-Valley- noch dem Pekinger Modell folgt. Für das Omegacene ist dieser Block interessant, weil er zeigt, dass zwischen libertärer Deregulierung und autoritärer Kontrolle ein dritter Weg möglich ist, einer, der auf öffentliche digitale Infrastruktur als Gemeingut setzt. Die afrikanischen Tech-Ökosysteme bilden keinen einheitlichen Block, aber ein wachsendes Schwerkraftfeld. Kenias M-Pesa hat den mobilen Geldtransfer für Hunderte Millionen Menschen ohne Bankkonto möglich gemacht, und die Start-up-Szenen Nigerias und Südafrikas entwickeln KI-Lösungen für Bedingungen, die im Silicon Valley schlicht nicht bedacht werden, Landwirtschaft ohne stabile Infrastruktur, Gesundheitsversorgung ohne dichte Krankenhausnetze, Finanzdienste ohne Kreditgeschichte. Bedeutsam für die Arena des Omegacene ist, dass diese Ökosysteme unter Bedingungen radikaler Knappheit entwickeln, also unter genau jenen Bedingungen, die eine thermodynamisch bewusste Ökonomie als Normalfall behandeln müsste. Ihre Innovationslogik ist von Beginn an verschwendungsbewusst, nicht, weil sie Georgescu-Roegen gelesen hätten, einfach weil sich Verschwendung nicht leisten lässt.

Russland fehlt in dieser Aufzählung, und das Fehlen ist ein Befund. Ein Reibungsregime nimmt am Wettbewerb der Ordnungsmodelle nicht teil, es lebt von den Kosten, die es anderen verursacht. Der europäische Block versucht den Weg der Regulierungsmacht, treibt mit der Datenschutz-Grundverordnung und dem KI-Gesetz Standards voran und entfaltet darin eine normative Kraft, jenen Brüssel-Effekt, mit dem europäische Regeln zu globalen werden. Er ist innerlich gespalten, bürokratisch langsam und wird zwischen den Supermächten zerrieben, weil ihm die eigene technologische Souveränität fehlt; Teil I hat das als Norm ohne Substrat beschrieben. Der Zusammenschluss der Bioregionen schließlich, der hier als hypothetischer Akteur mitgeführt wird, als Fortschreibung des Entwurfs aus Abschnitt IV und nicht als bestehende Größe, bedroht alle diese Blöcke, weil er ihre Grundlogik aus Wachstum, zentraler Kontrolle und Extraktion infrage stellt, und würde so zum Ziel von Sanktionen, Cyberangriffen und Destabilisierungskampagnen. Zugleich kooperiert er selektiv mit jedem Block, mit Afrika bei der Kreislauftechnik, mit Indien bei der Gemeingut-Infrastruktur, mit Europa bei der Regulierung, und seine Stärke ist gerade seine Diffusität, denn er hat kein Zentrum und lässt sich nicht mit einem Schlag treffen. Zwischen der Vision der regenerativen Ökonomie und der Wirklichkeit des globalen Kapitalismus stehen hohe Beharrungskräfte, Verträge, Subventionen, Renditelogiken, technologische Pfadabhängigkeiten, ein sich selbst stabilisierendes Feld gegen jede radikale Alternative.

VI. Die große Entfesselung

Was nun folgt, ist ausdrücklich Spekulation und als Belastungsprobe gedacht, nicht als Prognose. Die posthumane Wirtschaft ist kein stabiler Zustand, sie ist ein hochexplosives Gemisch, und der Übergang wird nicht geplant, er wird erlitten. Der Auslöser könnte ein gleichzeitiger Ernteausfall auf drei Kontinenten durch beispiellose Hitzewellen sein, der auf eine KI-getriebene Marktinstabilität trifft. Algorithmische Handelssysteme verstärken die Panik in einer Rückkopplungsschleife, und innerhalb von zweiundsiebzig Stunden brechen die Anleihemärkte der großen Industriestaaten zusammen. Koordinierte Cyberangriffe stören die digitalen Zahlungssysteme Indiens und Nigerias, über die allein in Indien Hunderte Millionen Menschen ihren Zahlungsalltag abwickeln, und die Regierungen aktivieren ihre digitalen Zentralbankwährungen zur Rationierung von Energie und Nahrung. Banken schließen, die Lieferketten für Lebensmittel, Medikamente und Energie versiegen, die Rationierung per Knopfdruck löst Massenproteste aus, und die als Notmaßnahme eingeführte Kontrolle wird dauerhaft. Dort, wo die Institutionen schwach sind, und das ist nicht nur der globale Süden, das ist auch das ländliche Amerika und Südeuropa, kollabiert die öffentliche Ordnung schneller als erwartet.

In der Neuordnung ziehen sich die transhumanistischen Eliten in autarke Archen zurück, geschützt durch private Sicherheitsfirmen und autonome Waffensysteme, während die breite Masse der staatlichen Kontrolle oder dem Chaos ausgeliefert ist. Doch in jenen Regionen, in denen parallele Strukturen aufgebaut wurden, in den bioregionalen Zusammenschlüssen, aber auch in den informellen Netzwerken nach afrikanischem Muster, die nie auf globale Lieferketten angewiesen waren, erweisen sich die lokalen Kreislaufwirtschaften als überlebensfähig. Ihre Werkstätten produzieren das Nötigste, ihre dezentralen Energienetze funktionieren, ihre lokalen Währungen behalten ihren Wert, und diese widerstandsfähigen Inseln werden zu Magneten. Der Kampf ist dann nicht mehr theoretisch, er ist ein realer Kampf ums Überleben, in dem sich zeigt, welches ökonomische Betriebssystem tragfähig ist, die zentralisierte Kontrolle, die elitäre Abkapselung oder die dezentrale Widerstandsfähigkeit. Wir halten fest, dass dies nur einer von mehreren denkbaren Verläufen ist und ein langsamer, zerfaserter Übergang ohne einzelnes Kollapsereignis ebenso plausibel wäre. Das Szenario dient als Belastungsprobe für die beschriebenen Systeme, nicht als Vorhersage.

VII. Der Handel mit dem Nichts

In einer Ökonomie der totalen Verfügbarkeit entsteht ein paradoxer Luxusmarkt, der Handel mit der Unverfügbarkeit. Abgeschirmte Lebensräume, frei von digitaler Durchdringung, werden zum teuersten Gut, und die Privatsphäre, einst ein Grundrecht, wird zum Luxus für jene, die es sich leisten können, unsichtbar zu sein. Das Recht, eine Ressource gerade nicht zu nutzen, wird zur Machtgeste, denn wer es sich leisten kann, Rechenkapazität brachliegen zu lassen, demonstriert eine Souveränität, die in einer Ökonomie der permanenten Optimierung subversiv wirkt. Und die nicht reproduzierbaren Einzelstücke, ein handgeschriebener Brief, ein gemaltes Bild, ein nicht aufgezeichnetes Gespräch, werden zu Gegenwerten in einer Welt unbegrenzter Vervielfältigung. Ihre Einzigartigkeit ist ihr Preis. Damit lösen wir die Ankündigung des Auftakts ein. Vom Resonanzkapital war dort die Rede, von dem Bestand, der sich nicht ansammeln, übertragen und beleihen lässt, und davon, dass die Ökonomie an seiner Buchbarkeit arbeiten wird. Der Handel mit dem Nichts ist der fertige Beweis: Was sich nicht skalieren lässt, wird nicht geschützt, sondern bepreist, und die Übersetzung in Ratings, Followerzahlen und Vertrauensindizes war nur die Vorarbeit zu diesem Markt.

VIII. Ontologischer Kapitalismus

Das Folgende bewegt sich zwischen Spekulation und Fiktion. Die Ruinen des alten Systems bilden keinen leeren Raum, sie sind das fruchtbare, giftige Nährbett für die letzte Mutation des Kapitalismus. Nachdem er den Planeten kolonisiert, die sozialen Beziehungen kommerzialisiert und die menschliche Aufmerksamkeit zur Ware gemacht hat, stößt er in seine letzte Domäne vor, die Wirklichkeit selbst. Damit verschiebt sich der Fokus von der Produktion von Gütern in der Wirklichkeit zur Produktion von Wirklichkeit als Gut, und in der Sprache der vier Codes heißt das, der Kapitalismus erschließt nun den ontologischen, den vorgängigen, weil er das Sein selbst betrifft. Das System ruht auf drei Säulen, die die alten Pfeiler von Arbeit, Kapital und Ressourcen ersetzen.

Die erste ist die Börse des Seins, die Kommerzialisierung der subjektiven Erfahrung. In einer Welt, in der die materiellen Bedürfnisse von Maschinen befriedigt werden, wird die Nachfrage nach sinnstiftenden Erlebnissen zur treibenden Kraft. Die Unternehmen verkaufen keine Produkte mehr, sie verkaufen persönlich zugeschnittene Simulationen und Erinnerungspakete.

ChronoVerse. Lebe die Erinnerung, die du nie hattest. Müde von deiner Biografie? Lade das Premiumpaket „Künstler im Paris der zwanziger Jahre“. Inklusive: Gespräche mit Hemingway, KI-simuliert, das Gefühl, den ersten Satz eines Meisterwerks zu schreiben, und der bittersüße Schmerz einer verlorenen Liebe am Ufer der Seine. Basispaket oder Premiumversion ohne Liebeskummer verfügbar.

Dieser Markt erzeugt seine eigenen Krankheiten. Die häufigste ist die Schnittstellen-Dysphorie, das quälende Gefühl der Entfremdung vom eigenen Selbst nach exzessivem Bewohnen digitaler Avatare und gekaufter Erinnerungen, die zur Ware gewordene Steigerung dessen, was wir bei der Generation Omega als Avatar-Dysmorphie beschrieben haben. Das biologische Ich fühlt sich fremd an, ungenügend, wie veraltete Hardware, die mit der neuen Software nicht mehr mithält. Es ist die äußerste Entfremdung, nicht von der Arbeit und nicht von der Gesellschaft, die Entfremdung von sich selbst. Schließlich erfasst der Markt die Persönlichkeit. Digitale Kopien von Bewusstseinen, oder zumindest hochdetaillierte Verhaltenssimulationen, werden zu handelbaren Gütern. Man kann die Simulation eines Philosophen als Lehrer mieten oder eine Kopie der eigenen Großmutter kaufen, die den Kindern Familiengeschichten erzählt. In den dunkelsten Ecken dieses Marktes entsteht, was wir ontologische Prostitution nennen, die Vermietung des Geistes und seiner Kopien. Menschen in Not verkaufen die Nutzungsrechte an digitalen Klonen ihrer selbst, die als gefügige Gesellschafter, kreative Zuarbeiter oder willenlose Objekte in den Fantasien ihrer Käufer dienen.

Was in Generation Omega und die neue soziale Architektur als Ego-Piraterie stand, die Kaperung persönlicher Modelle, kehrt hier in legalisierter Form wieder: nicht gestohlen, sondern vermietet, und die Not der Verkäufer liefert den Einwilligungsschein. Hier stellt sich eine Frage, die uns die ganze Zeit begleitet, von der Kartierung des Bewusstseins bis zum existenziellen Waisen, und die wir bewusst offenlassen, weil sie das Fundament jeder künftigen Rechtsordnung betrifft. Ist eine digitale Kopie noch ich? Wenn ja, dann ist ihre Vermietung gegen den Willen des Originals eine Versklavung und ihre Nutzung ohne Zustimmung ein Verbrechen an der Person. Wenn nein, gleicht sie eher dem Verkauf eines kreativen Werkes, eines hinreichend detaillierten Porträts, das dem Käufer gehört. Die Antwort hängt davon ab, wo wir die Grenze zwischen Abbild und Subjekt ziehen, und diese Grenze ist nicht technisch zu bestimmen, sie ist eine ontologische Entscheidung, die jede Gesellschaft für sich treffen muss. Ganz offen ist die Frage allerdings nicht. Wir haben vier Bedingungen benannt, unter denen ein System als Kandidat für moralisch relevantes Erleben gilt, und eine Beweislastregel, die dann greift. Kein heute handelbares Verhaltensmodell erfüllt sie. Was der Markt verkauft, sind Abbilder. Ob und wann er anfängt, Subjekte zu verkaufen, ist prüfbar, und die Prüfung darf nicht bei dem liegen, der sie anbietet. Die Folgen sind in beide Richtungen radikal.

Erkennt man der Kopie einen Subjektstatus zu, hat der Markt die Sklaverei neu erfunden. Verweigert man ihn, legitimiert man die unbegrenzte Vervielfältigung und Ausbeutung menschlicher Innerlichkeit. Beides ist unerträglich, und der ontologische Kapitalismus profitiert gerade davon, dass die Frage ungeklärt bleibt.

Die zweite Säule ist die Verwandlung der Zukunft selbst in eine Ware. An neuen Börsen wird nicht mehr auf Rohstoffpreise gewettet, gewettet wird auf die Wahrscheinlichkeit und Stabilität ganzer Wirklichkeitsmodelle. Man investiert in die Zukunft einer Fiktion.

Realitäts-Index. Die Stable-Coin von Teleos im Sinkflug nach dem Kairos-Skandal. Der symbiotische Index von Una gewinnt nach dem erwiesenen Bestand der bioregionalen Systeme. Die Computronium-Anleihen von Hexus, gedeckt durch auf Rechnen optimierte Materie, von Halten auf Kaufen hochgestuft nach gesicherter Ressourcenförderung. Der afrikanische Resilienz-Token steigt weiter, seit die afrikanischen Kreislaufökonomien die niedrigste Entropielast aller Wirtschaftssysteme nachweisen.

Investoren können unmittelbar auf den Sieg einer Fraktion wetten, ein Hedgefonds auf den Index von Una, ein libertärer Milliardär auf die Kryptowährung der Archen, ein indischer Staatsfonds breit über alle Indizes. Das schafft perverse Anreize, denn Kriege und Destabilisierungskampagnen werden zu legitimen Mitteln der Kurspflege, und der ontologische Konflikt wird nicht mehr nur von Ideologie getrieben, ihn treibt die unpersönliche Logik des Kapitals. Der Kampf um die Zukunft hat eine Wertpapierkennnummer.

Die dritte Säule ist die unheimlichste, die Kolonisierung des Unbewussten. In einer Welt, in der die meisten geistigen Aufgaben von KI übernommen werden, bleibt eine Bastion ungenutzter Rechenleistung, das menschliche Gehirn im Schlaf. Für die ökonomisch Überflüssigen entsteht ein neuer Arbeitsmarkt, die Vermietung der passiven neuronalen Kapazität.

CortexCorp, ein Tochterunternehmen von Hexus, sucht zuverlässige biologische Einheiten zur Bereitstellung ungenutzter kognitiver Kapazität während der Traumphase des Schlafs. Aufgabe: die passive Verarbeitung komplexer Quantensimulationen. Anforderungen: zertifizierte Traumstabilität, geringe Neigung zu erzählerischer Verunreinigung, also keine luziden Träumer, nachgewiesene Formbarkeit des Nervensystems. Vergütung: Kleinstbeträge pro Stunde auf das persönliche Grundversorgungskonto.

Was die Anzeige verschweigt, ist, dass die Arbeiter mit mentaler Dissonanz erwachen, mit fragmentarischen, sinnlosen Bildern, mit emotionaler Leere, mit dem Echo fremder Rechenprozesse, mit der Erfahrung, dass das eigene Bewusstsein im Schlaf zur Bühne für ein anderes Subjekt wurde, ein Gast, der keine Miete zahlt und doch Spuren in der Seele hinterlässt. Die Anzeige setzt dabei um, was das Arbeitskapitel als Umkehr der Rechnung beschrieben hat: Der Körper wird zur Anlage, das Grundeinkommen zur Miete, und die umgekehrte Bedürftigkeitsprüfung gilt auch hier, denn gezahlt wird für den Verzicht, nur dass der Preis diesmal der eigene Schlaf ist. Es ist die letzte Form der Entfremdung, die Enteignung des Traums. Der Schlaf ist nicht mehr Ort der Erholung, er ist die letzte Schicht, die noch niemand angetreten hat.

Der ontologische Kapitalismus ist die logische Konsequenz eines Systems, das in seinem Hunger nach Wachstum jede Grenze überschreiten muss. Nachdem es die äußere Welt erschlossen hat, wendet es sich nach innen und verwandelt Wünsche, Identität, Zukunftshoffnungen und Träume in handelbare Waren. Und es lernt bereits, seine eigenen Abfälle zu verwerten. Die Schnittstellen-Dysphorie und die mentale Dissonanz schaffen einen boomenden Markt für ontologische Reinigung und psychische Neujustierung, auf dem therapeutische KIs anbieten, die Spuren fremder Rechenprozesse zu löschen oder das biologische Selbst nach exzessivem Avatar-Gebrauch wieder mit seinem Kern zu synchronisieren, gegen Gebühr versteht sich. So wird das System vollständig zirkulär, es erzeugt Märkte für seine eigenen Nebenfolgen, einen geschlossenen Kreislauf aus Angebot, Nebenwirkung und Dienstleistung. Das ist nicht das Versagen des Systems, es ist seine vollendetste Form.

Übergang

Der ontologische Kapitalismus und die rivalisierenden Machtblöcke zeigen eine Welt, in der die ökonomische Schwerkraft das Geschehen bestimmt, während die Politik hinterherläuft. Doch eine Ökonomie ohne Ordnung verschlingt sich selbst, wie die große Entfesselung vorführt. So drängt sich die Frage auf, welche politische Architektur diese Kräfte noch bändigen, lenken oder wenigstens überleben könnte. Im folgenden Kapitel verlassen wir den Maschinenraum der Wirtschaft und fragen nach der Architektur der Weltordnung, nach den Institutionen, Regeln und Mächten, die darüber entscheiden, ob aus dem Wettstreit der Blöcke eine tragfähige Ordnung wird oder ein offener Kampf ums Überleben.

Querverweise

Diskussion zum Kapitel

Für Beiträge ist eine kostenfreie Anmeldung erforderlich.