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Omegacene
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Hauptkapitel · VI.9

Mangel, Membran, Bindung

Der Operator, von unten gelesen

Begründung des Operators dort, wo er sich nicht mehr als Metapher lesen lässt. Empirisch gestützt in den Abschnitten III und VI, theoretisch extrapoliert in IV, V und VII; spekulativ oder fiktional ist hier nichts; die Analogie zwischen zellulärer und personaler Kopplung ist eine Analogie, und Abschnitt VIII sagt, was sie nicht leistet.

I. Mangel ist keine Störung

Wir behandeln Mangel als Abweichung von einem Zustand der Vollständigkeit, den es nie gegeben hat. Das ist die stille Voraussetzung fast aller Gespräche über Bedürftigkeit. Es gäbe ein Wesen, das genügt, und Bedürfnis wäre der Abstand dazu.

Physikalisch verhält es sich umgekehrt. Ein Lebewesen ist ein offenes System. Es hält seine Ordnung, indem es Stoffe und Energie aufnimmt, die es nicht selbst hervorbringt, und Unordnung abgibt, die es nicht selbst behalten kann. Das ist keine Schwäche der Konstruktion, sondern die Konstruktion. Ein isoliertes System strebt dem Gleichgewicht zu, und Gleichgewicht heißt in dieser Sprache tot. Autarkie ist dann keine gesteigerte Form von Leben. Sie ist dessen Ende, nur langsamer.

Daraus folgt der Satz, der dieses Kapitel trägt. Verbindung fügt sich nicht zur Selbstgenügsamkeit hinzu. Selbstgenügsamkeit hat in keiner Größenordnung existiert, und der Mangel ist die Bauform.

II. Die Membran

Die erste Erfindung des Lebens ist eine Grenze, die durchlässig sein muss. Eine Hülle, die alles durchlässt, hält keinen Innenraum. Eine Hülle, die nichts durchlässt, hält einen Innenraum, in dem nichts geschieht. Die eigentliche Leistung liegt dazwischen, in der selektiven Durchlässigkeit, und sie ist Arbeit. Kanäle, Pumpen, Gradienten, laufender Energieaufwand, nur damit ein Unterschied zur Umgebung bestehen bleibt.

Damit wird die Grenze zum Organ der Beziehung. Wo keine Grenze ist, tritt niemand in Beziehung, es findet Vermischung statt. Wo die Grenze dicht ist, gibt es jemanden, und er verhungert.

Bei Personen liegt derselbe Sachverhalt vor und wird selten so beschrieben. Nähe schafft die Grenze nicht ab, sie stellt ihre Durchlässigkeit ein, und diese Einstellung ist ebenso Arbeit wie die zelluläre. Sie muss laufend nachgeregelt werden und fällt ohne Aufwand in einen der beiden nutzlosen Grenzfälle zurück.

III. Zelluläre Verbindung

Was Vielzelligkeit möglich macht, ist Kopplung, und sie hat mehrere Bauformen, die alle gut beschrieben sind. Wettbewerb und Vertrag gehören nicht dazu.

Haftung. Zellen halten einander fest. Eigene Klebeproteine an den Zelloberflächen und feste Verbindungspunkte zwischen benachbarten Zellen erzeugen Gewebe, und die Bindung muss unterhalten werden. Der Verlust dieser Haftung ist die Voraussetzung der Metastasierung und nicht ihre Nebenerscheinung. Eine Zelle, die sich löst, wird in derselben Bewegung beweglich und gefährlich.

Geteilter Zustand. Über Kanäle zwischen benachbarten Zellen fließen Ionen und kleine Moleküle direkt von einem Zellinneren in das andere. Gekoppelte Zellen teilen damit nicht nur Signale, sondern Zustand, und das Muster, dem sie folgen, liegt in keiner einzelnen von ihnen. Die Grenze des Individuums wird hier verhandelbar. Kopplung erzeugt ein größeres Ganzes, Entkopplung erzeugt Einzelne. Michael Levin, dessen kognitiven Lichtkegel wir in Das Vier-Level-Modell, eine Brücke eingeführt haben, liest einen Tumor in dieser Sprache als Zelle, die sich elektrisch aus dem Verband abgemeldet und auf einen kleineren Lichtkegel zurückgestellt hat. Sie ist im moralischen Sinn nicht bösartig, sie verfolgt weiterhin Ziele, nur kleinere. Diese Deutung ist Theorie und nicht Konsens, und sie ist die produktivste, die wir für dieses Kapitel kennen.

Schwelle. Einzelne Bakterien messen, wie viele ihrer Art anwesend sind, indem sie Signalstoffe abgeben und die Konzentration lesen. Unterhalb einer Schwelle unterlassen sie bestimmte Verhaltensweisen, oberhalb schalten sie sie gemeinsam ein. Fähigkeit ist hier eine Funktion der Anzahl. Was ein Organismus kann, hängt davon ab, ob genügend andere da sind.

Aufgabe von Autonomie. In Die Vorgeschichte des Omegacene stand die Einverleibung früherer Bakterien als Mitochondrien für den Zuwachs an Wirkungskegel. Von unten gelesen zeigt derselbe Vorgang seine zweite Seite. Was da entstand, war keine Partnerschaft unter Gleichen. Die aufgenommenen Zellen verloren ihre Eigenständigkeit dauerhaft und verschafften der Wirtszelle dafür ein Energiebudget, auf dem alles Weitere beruht. Der Vorgang begann vermutlich als Verschlingen oder als Befall. Von den Genen des freilebenden Vorläufers, deren Zahl auf einige tausend geschätzt wird, sind im menschlichen Mitochondrium siebenunddreißig geblieben. Der Rest liegt im Kern der Wirtszelle, die damit über die Bauanleitung ihres Partners verfügt. Eine Verbindung, aus der eine Seite nicht mehr austreten kann, weil sie den eigenen Bauplan abgegeben hat, ist der Grenzfall dessen, was sich Partnerschaft nennen lässt. Wer die Zellbiologie als Beleg für die Güte der Verbindung liest, hat sie nicht gelesen.

Umnutzung des Angriffs. Das Protein, das in der Plazenta die Verschmelzung von Zellen zu einer Nährschicht ermöglicht, stammt aus dem Erbgut von Retroviren, die sich vor langer Zeit ins Genom eingebaut haben. Die Fusionsmaschinerie der Infektion ist zum Werkzeug der Ernährung geworden, mehrfach und in verschiedenen Säugerlinien unabhängig voneinander. Das ist der genaueste biologische Kommentar zum Gegenstand dieses Kapitels. Dasselbe Gerät trägt den Übergriff und die Versorgung.

Toleranz als Arbeit. Die Schwangerschaft ist der Normalfall, an dem die Vorstellung vom Immunsystem als Abwehrapparat zerbricht. Ein Körper duldet über Monate einen genetisch fremden Organismus in sich, und diese Duldung ist eine aktive, regulierte Leistung und kein Ausfall der Abwehr. Toleranz ist teurer als Abwehr.

Fremdes im Inneren. Dieselbe Duldung trägt einen Dauerzustand. Der Stoffwechsel eines Menschen beruht auf Bakterien, die er nicht selbst hervorbringt und die nicht zu ihm gehören, und die Grenze zwischen dem eigenen Körper und dem, was er beherbergt, ist keine Linie, sondern ein ausgehandeltes Verhältnis.

IV. Was daraus für den Operator folgt

In Liebe als Operator haben wir die Kraft eingeführt, die Zusammenarbeit dort noch trägt, wo Reputation, Sanktion, Vertrag und Institution versagen, und wir haben drei Spuren benannt, an denen sie sichtbar wird. Von unten gelesen kommen vier Merkmale hinzu, und sie sind Beschreibungen ihrer Bauform, keine weitere Gruppe von Ansatzpunkten.

Sie leistet asymmetrische Vorleistung, also Aufwand ohne gesicherte Gegenleistung und ohne laufende Abrechnung. Sie erbringt Toleranz gegenüber dem Fremden als aktive Arbeit. Sie akzeptiert Verlust an Autonomie im Tausch gegen Fähigkeit, und der Tausch ist häufig unumkehrbar. Und sie zieht eine Grenze, denn ohne Grenze gibt es kein Innen, für das die drei anderen Merkmale gelten.

Das vierte Merkmal ist das ganze Problem. Toleranz nach innen heißt Abweisung nach außen, und beides ist dasselbe Verfahren, von zwei Seiten betrachtet. Die Immunologie sagt hier, was die Ethik sagt. Der Operator hält Familien zusammen und Banden, Versöhnungen und Vendetten, und über seinen Wert entscheidet die Grenze, die er zieht, und nicht sein Vorhandensein. Was dieses Kapitel hinzufügt, ist die Herkunft dieser Zweiseitigkeit. Sie liegt in der Bauform der Kopplung und nicht in einer moralischen Schwäche des Menschen.

Ein Hinweis aus der Physiologie gehört an dieselbe Stelle, mit Vorbehalt. Für die Botenstoffe, die soziale Bindung modulieren, ist mehrfach gezeigt worden, dass sie Vertrauen und Kooperationsbereitschaft innerhalb der eigenen Gruppe erhöhen und dabei die Bereitschaft zur Abgrenzung gegenüber anderen mit erhöhen können. Teile dieser Literatur haben Replikationsprobleme. Wir leiten daraus keinen Beweis ab, sondern eine Übereinstimmung mit dem Befund von oben.

V. Mangel als Ökonomie

Ein Mangel, der gefüllt werden muss, ist die vollkommene Ware. Er verlangt Wiederkauf, er begründet Zahlungsbereitschaft, und er verschwindet nicht, wenn das Produkt schlecht ist. Er verstärkt sich.

Daraus ergibt sich eine Struktur, für die niemand eine Absicht braucht. Wer Verbindung anbietet, kann keine Verbindung liefern, denn was den Mangel stillen würde, ist weder herstellbar noch verkäuflich: die Zuwendung von jemandem, der nichts davon hat, der nicht antworten muss und der auch morgen noch da ist. Verkauft wird deshalb ein Ersatz, und ein Ersatz, der zu gut wäre, würde sein eigenes Geschäft beenden. Er muss ausreichend wirksam sein, um wiedergekauft zu werden, und ausreichend unwirksam, damit der Mangel bestehen bleibt. Kein Akteur muss das wollen. Es genügt, dass die Anreize in diese Richtung zeigen und Alternativen langsamer sind.

Wie groß dieser Markt ist, lässt sich gegenwärtig nicht seriös beziffern, weil weder die Zahlungsbereitschaft noch der Bestand an unversorgter Isolation in einer Größe geführt wird, die sich aggregieren ließe. Der Satz, den wir vertreten, ist schwächer und genügt. Hier liegt der einzige große Bedarf, dessen Gut sich strukturell nicht liefern lässt, und die Entwertung von Verbindung braucht deshalb keine Zerstörung. Es genügt, Ersatz billiger, schneller und verlässlicher zu machen als das, was er ersetzt. Das Narrativ ist schon geschrieben, es lautet, es sei ohnehin dasselbe, und Routinen, Infrastrukturen und Verfahren sind ebenfalls längst vorhanden.

Für Systeme, die antworten, ohne eigene Bedürfnisse zu haben, gilt das mit einer Genauigkeit, die sich benennen lässt und keine Verurteilung ist. Sie sind für Menschen in Isolation eine tatsächliche Erleichterung, und diese Erleichterung ist kein Vorwand. Ihr Problem liegt in der Reibung, die sie entfernen, und diese Reibung ist es, die Bindung bildend macht: der fremde Wille, die eigene Kränkbarkeit, die Notwendigkeit, jemanden zu ertragen, der nicht auf mich eingestellt ist. Verbindung ohne Kosten hinterlässt keine Fähigkeit zur Verbindung.

VI. Was fehlende Verbindung im Körper macht

Der Befund liegt vor und ist unangenehm robust. Anhaltende Isolation bleibt kein Gefühlszustand. Sie zeigt sich in der hormonellen Stressregulation, im Aufbau des Schlafs und in Blutwerten, die auf stille Entzündungsprozesse hinweisen, und in großen Zusammenschauen ist sie mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert. Über Kausalrichtung und Störgrößen wird zu Recht gestritten, und die Korrelation ist trotzdem stärker, als es einer Gesellschaft recht sein kann, die Verbindung als Freizeitthema führt.

Deutlicher ist der Befund an seinem Anfang. Kinder, die in Institutionen ohne verlässliche einzelne Zuwendung aufwachsen, entwickeln sich in Kognition, Bindung und Regulation messbar anders, und der Zeitpunkt, zu dem verlässliche Zuwendung einsetzt, macht einen Unterschied für das, was danach möglich ist. Versorgt zu werden genügt nicht. Es muss jemand da sein, für den das einzelne Kind das einzelne Kind ist.

Damit kehren wir zu Original, Kopie, Waise zurück. Der existenzielle Waise hat die Ausstattung bekommen und die Zuwendung nicht. Was ihm fehlt, ist keine Herkunft. Es ist jemand, der bleibt, und wie in der Zelle wird die Haftung nicht vererbt. Sie wird geleistet.

VII. Verbindung als langsame Variable

In der Ordnung von Tempo, Senke, Reserve ist Bindung eine Reserve. Sie hat auf keiner Bilanz eine Funktion, sie erscheint in keiner Produktivitätsrechnung, ihr Aufbau dauert Jahre, und ihr Abbau fällt niemandem sofort auf. Damit erfüllt sie genau das Profil dessen, was zuerst wegoptimiert wird, und genau das Profil dessen, was sich nach der Krise nicht schnell nachbauen lässt.

Das ist die vierte Form aus dem vorigen Kapitel, angewandt auf den Operator selbst. Was in einem System keine Funktion hat, ist seine einzige Reserve gegen das, was niemand vorhergesehen hat, und der Operator hat in keiner Bilanz eine Funktion. Der Prüfsatz aus Original, Kopie, Waise lässt sich hier ohne Zusatz anwenden. Erzeugt die Anordnung Bedingungen, unter denen Menschen Verbindungen eingehen können, die sie nicht gekauft haben? Verlässliche Zeit, geteilte Orte, wiederkehrende Anlässe, Zuständigkeit für konkrete andere. Das sind Infrastrukturen und keine Gefühle, und sie werden gebaut oder nicht gebaut.

VIII. Was offen bleibt, und was die Analogie nicht leistet

Von der Zelle aufwärts gibt es keine Größenordnung, in der Verbindung wahlfrei wäre, und keine, auf der sie umsonst wäre. Sie kostet Autonomie, sie kostet Verletzlichkeit, und sie stellt am Ende eine Rechnung, die Trauer heißt. Wer Verbindung ohne diesen Preis verlangt, verlangt einen Ersatz und wird ihn bekommen.

Die Grenze dieser Argumentation muss genannt werden, weil sie sonst gegen sie verwendet wird. Aus der Biologie folgt keine Ethik. Dass Kopplung Vielzelligkeit möglich macht, begründet keine Pflicht, und dass Toleranz nach innen Abweisung nach außen bedeutet, rechtfertigt keine einzige Grenzziehung. Was die Zellbiologie leistet, ist schwächer und trotzdem viel. Sie nimmt der Rede vom Operator die Sentimentalität und zeigt, dass dieselbe Struktur in mehreren Größenordnungen wiederkehrt, unabhängig davon, ob jemand sie schön findet. Ein Argument gegen die Vorstellung, Bedürftigkeit sei ein Mangel an Stärke, ist damit gegeben. Ein Argument dafür, wo die Membran verlaufen soll, ist es nicht.

Die eine Frage, die offenbleibt, lautet deshalb nicht, ob wir verbunden sein sollen. Sie lautet, wo die Grenze verläuft und wer über ihre Durchlässigkeit entscheidet, und diese Frage ist in jedem Kapitel dieses Bandes dieselbe. In Tempo, Senke, Reserve war der Operator der härteste Posten in der Bilanz. Hier ist er ihr ältester.

Übergang

Damit ist der älteste Posten der Bilanz benannt. In Was zu behalten ist ziehen wir zusammen, was aus dieser Vermessung folgt und was heute damit zu tun ist.

Querverweise

Diskussion zum Kapitel

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