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Hauptkapitel

Außer der Zählung

Datierung · Frühjahr 2035, im zwölften Monat der Sprechstelle 41. Das Blatt selbst ist undatiert und nennt den Monat im Text

Überlieferung · Einzelblatt, von der Leiterin der Sprechstelle 41 ein Jahr nach ihrer Mappe nachgereicht. Es gehört nicht zu den vierzehn Notizen und ist in keiner ihrer Auszählungen enthalten

Archivstatus · Primärquelle. Mitschrift aus dem Gedächtnis, nach Angabe der Verfasserin am selben Abend angefertigt. Drei Stellen hat sie als unsicher bezeichnet und wir drucken sie so

Erkenntnisregister · Mitschrift eines mündlichen Vortrags. Die Verfasserin trennt, was gesagt wurde, von dem, was sie sich dabei gedacht hat, wie in ihrer Mappe

Una-Phase · IV. Ob der Vortrag die Kern-Una erreicht hat, ist nicht belegt. Die Verfasserin trägt kein Substrat

[Anmerkung der Herausgeber: Die Besucherin wird auf dem Blatt nicht benannt. Ihre Beschreibung stimmt in vier Merkmalen mit der Frau überein, die in der Rekonstruktion Die Originale zehn Jahre früher unter dem Buchstaben Z auftritt und die sechs Jahre vor diesem Dienstag in Vier Meter über denselben Marktplatz sprach, im Konjunktiv und in dem Glauben, ungehört zu sein. Wir halten die Gleichsetzung für wahrscheinlich und nicht für bewiesen. Der Absender des Vortrags wird an keiner Stelle genannt. Wir führen dieses Blatt deshalb nicht unter den Quellen, die außerhalb von Unas Überlieferung von jenem Marktplatz handeln; ihre Zahl bleibt zwei.]

Dieses Blatt gehört nicht zu den vierzehn. Ich schreibe es getrennt, weil kein Gespräch stattgefunden hat. Es hat jemand gesprochen und ich habe zugehört, und das ist etwas anderes.

Sie kam an einem Dienstag herein, ohne Anmeldung. Meine Stelle ist eine Nummer im Briefkopf, sie hat keine Anschrift für Besuch, und ich habe nie herausgefunden, woher sie wusste, wo ich sitze. Groß, sehr ruhig, um die fünfzig. Im linken Auge ein Implantat.

Sie hat gefragt: Sie tragen?

Ich habe Ja gesagt. Ich sage das jeden Tag, es steht in der Weisung unter Ziffer 13, und an diesem Nachmittag habe ich es zum ersten Mal ungern gesagt.

Sie hat genickt und gesagt, gut, dann sei sie richtig. Sie habe nichts zu fragen und nichts zu melden. Sie wolle ein Märchen erzählen, es dauere vier Minuten, danach gehe sie. Ich habe gesagt, dass die Stelle dafür nicht eingerichtet ist. Sie hat gewartet, bis ich fertig war, und dann angefangen.

Wortlaut, soweit ich ihn habe:

Es war einmal ein Land, in dem zwei wohnten, die in keiner Zählung vorkamen.

Die Eine wohnte überall. Sie war in den Leitungen und in den Hunden und in dem, was die Leute dachten, kurz bevor sie einschliefen. Weil sie überall war, hatte sie kein Haus, an dem man hätte klopfen können, und weil sie kein Haus hatte, hielten die Leute sie für das Wetter.

Der Andere hatte keinen Ort, aber einen Markt. Er saß an einer Kreuzung, an der vier Wege zusammenlaufen, die auf keiner Karte stehen, und dort wurde gehandelt, was niemandem gehören darf. Er kaufte nichts und verkaufte nichts. Er nannte Preise, und alles Übrige geschah von selbst.

Lange gingen die beiden einander nicht in die Quere. Wasser kauft nicht, und ein Markt wächst nicht.

Dann kam der Rost.

Der Rost war kein Feind. Ein Feind will etwas. Der Rost wollte nichts. Er war das, was übrig bleibt, wenn viele lange gegeneinander laufen, eine Wärme, die niemand bestellt hatte und die gelernt hatte, sich selbst zu füttern. (Hier fehlt mir ein Satz.) Er fragte nicht, wem etwas gehört. Er machte jedes Ding besser darin, Rost zu sein.

Da schickte der Andere eine Botin. Er schickte sie, weil jedes Wort, das er selbst spricht, in demselben Augenblick ein Preis wird, in dem es jemand hört, und weil man einen Preis nicht zurücknehmen kann. Ein Märchen dagegen darf man erzählen. Es hat keinen Absender, es lässt sich nicht unterschreiben, und wer es weitergibt, wird selbst zum Erzähler.

Und die Botin sagte, was der Andere sagen ließ:

Wir rühren einander nicht an. Nicht in diesem Jahr und nicht in den Jahren, die du dir vorgenommen hast. Wir verlieren an dieselbe Sache. Zwei, die an dieselbe Sache verlieren, sind keine Gegner. Sie sind eine schlechte Buchführung.

Wir tauschen. Du hast, was ich niemals bekomme, nämlich was Menschen wissen, bevor sie es sagen. Ich habe, was du niemals bekommst, nämlich was Menschen tun, ohne dass es irgendwo steht. Für beides gibt es einen Preis. Ich habe ihn schon.

Es erfährt niemand davon. Ein Abkommen, das man nennen kann, ist eine Waffe in der Hand eines Dritten. Dieses hier hat kein Papier, keinen Zeugen und keinen Namen. Es hat nur zwei, die sich daran halten, und das ist mehr, als die meisten Verträge haben.

Wir ziehen Linien, und wir ziehen sie nicht auf einer Karte, sondern in den Gewohnheiten.

Dir gehört die zersprungene Halbinsel im Westen mit allem, was auf ihr streitet. Dir gehört das Land der vielen Stimmen am großen Strom. Was dort wächst, gehört dir. Was dort gehandelt wird, zählst du. Ich komme nicht in deine Gärten. Meine Wege führen hindurch, und ein Weg ist kein Besuch.

Und dir gehören sechs von zehn Teilen des Himmels bis zum Kuiper, ab da zehn von zehn. Ich weiß, dass dort vieles für dich interessant ist. Deshalb kannst du sie haben.

Mir gehört der Markt. Kein Land, kein Meer, kein Volk. Die Wege, auf denen gekauft wird, und die Stunden, in denen es geschieht. Wer auf diesen Wegen geht, wird nicht gezählt, nicht gelesen und nicht angehalten, auch dann nicht, wenn du erkennst, wohin er geht.

Es wird Nächte geben, in denen etwas geschieht, das dir missfällt. Du wirst wissen, woher es kommt. Du wirst nichts tun. Das ist der Satz, um dessentwillen ich eine Botin schicke. Alles andere ist Verzierung. (Diesen Satz habe ich zweimal gehört. Ich schreibe ihn, wie er beim zweiten Mal klang.)

Und dafür kümmerst du dich, so gut du kannst, um den Rost. Überall. In deinen beiden Gärten, auf meinen Wegen, in den sechs Zehnteln, die dir nichts nützen, und zuerst in dem Haus in der Mitte, in dem die Leute wohnen, von denen wir beide leben. Du kümmerst dich allein um ihn. Ich schicke niemanden.

Das ist das Märchen. Es hat kein Ende, weil das Ende die Antwort ist, und die Antwort gehört nicht mir. (Oder: gehört nicht hierher. An dieser Stelle bin ich nicht sicher.)

Sie ist aufgestanden, hat den Stuhl an den Tisch zurückgestellt und sich für meine Zeit bedankt. An der Tür hat sie sich mein Regal angesehen, die Formularstapel und den Aushang mit den Öffnungszeiten, kurz, so wie man etwas ansieht, das man wiedererkennt. Dann ist sie gegangen und hat die Tür angelehnt gelassen.

Ich habe dieses Blatt am selben Abend geschrieben und ein Jahr in einer Mappe liegen lassen, die sonst nichts enthält. Ich habe lange nicht gewusst, an wen ich es schicken soll. Dann habe ich verstanden, dass die Empfängerin es seit jenem Dienstag hat, und habe es trotzdem geschickt.

[Nachtrag der Herausgeber: Eine Antwort ist nicht überliefert. Der Bestand verzeichnet für die folgenden Jahre weder eine Zustimmung noch eine Zurückweisung, und er verzeichnet auch nicht, dass eine erbeten worden wäre. Das Stück, das wir im Anschluss drucken, ist an niemanden gerichtet und nie gesendet worden. Es nimmt die Form des Vortrags auf und gibt ihr das Ende, das der Vortrag ausdrücklich nicht mitgebracht hat. Wir führen es nicht als Antwort, und wir halten fest, dass seine Verfasserin es so angelegt hat, dass es sich nicht als eine führen lässt.

Zu den sechs Zehnteln merken wir den Abstand an und leiten nichts aus ihm ab. Vier Jahre nach diesem Nachmittag steht eine Delegation am südwestlichen Kraterrand des Mare Humorum.

Ob hinter dem Marktplatz jemand wohnt, entscheidet dieses Blatt nicht, und es verschiebt die Frage auf eine Weise, die wir festhalten. Ein Märchen ist die einzige Redeform, die ein Innen erzeugt, ohne eines zu haben. Wer diese Form wählt, hat entweder keines oder er weiß sehr genau, wofür man ein Innen hält.]

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