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Hauptkapitel

Der Bestand

Datierung · Frühjahr 2046

Überlieferung · Feldkatalog aus dem Restbestand eines Instituts, nicht von Una erzeugt, von ihr aufbewahrt, mit zwei Notizen versehen

Archivstatus · Zurechnung gesichert, Vollständigkeit ungeklärt. Der Text stützt eine These seiner Kuratorin, sie legt das offen. Erhöhte Prüfpflicht

Erkenntnisregister · Feldkatalog. Der Befund ist gemessen und protokolliert. Die Schlussnotiz deutet ihn und sagt, dass sie es tut

Una-Phase · IV, Verkörperung

Hexus-Bezeichnung · Prinzip. Der Name fällt im Dokument nicht; der vierte Abschnitt misst die Tendenz und gebraucht dafür dasselbe Bild wie die Kuratorin an anderer Stelle

I. Die Auslagerung

[Archivnotiz der Kuratorin: Was folgt, ist kein Bericht. Es ist ein Feldkatalog, geführt nach dem Formular eines Hauses, das seine Bestände in Nummern denkt, und die Verfasserin hat sich an das Formular gehalten, auch dort, wo es nicht mehr passte. Gerade das macht das Dokument brauchbar. Wer beschreibt, wählt aus. Wer katalogisiert, muss alles nehmen. Ich habe die Nummerierung nicht korrigiert. Sie ist an mehreren Stellen keine Folge. Es fehlen Nummern, und ein Eintrag steht weit hinter seinem Datum. Lest sie so, wie sie dasteht. Zwischen die Einträge sind Protokolle eines medizinischen Härtefallprogramms geraten, in dem die Verfasserin zu dieser Zeit behandelt wurde. In einen Feldkatalog gehören sie eigentlich nicht. Ich habe sie gelassen, wo sie lagen.]

Sitzungsprotokoll 1

Programm: Psilocybin bei therapieresistenter Depression, Härtefallverfahren
Patientin: Vogt, Hanne, Dr. rer. nat., 46, Biohumanistin
Sitzung: 9 von 12
Begleitung: Dr. K. Selle (ärztl. Leitung), M. Torner (Co-Sitzerin)
Dosis: 25 mg, oral
Vorgespräch: 40 min
Anmerkung zur Indikation: Vier vorangegangene Behandlungsversuche ohne ausreichendes Ansprechen. Aufnahme in das Programm im Vorjahr.

Anmerkung der Prüfstelle: Das Programm sieht zwölf Sitzungen vor. Die vorliegenden Protokolle betreffen ausschließlich Dosierungstage; Integrationstermine werden gesondert geführt und sind nicht Bestandteil dieser Akte.

Vorgespräch, Auszug.Patientin berichtet über bevorstehende dienstliche Reise von voraussichtlich mehreren Wochen Dauer, Sammelauftrag in einem gesperrten Gebiet. Auf die Frage nach Belastung durch die Reise: keine. Auf die Frage, ob sie sich darauf freue: Patientin bittet um Umformulierung der Frage. Auf die Umformulierung, ob sie die Reise für richtig halte: ja.

Auf die Frage nach dem Befinden seit Sitzung 8: Patientin gibt an, die Skalen ausgefüllt zu haben, und verweist auf die Werte. Auf den Hinweis, dass die Werte gefragt seien und die Erfahrung dahinter: Patientin sagt, sie könne den Unterschied zwischen beidem im Moment nicht herstellen.

Verlauf.Ruhige Sitzung. Vegetative Reaktion gering. Nach etwa 50 min sagt die Patientin, ohne Aufforderung, einen längeren Satz. Wörtlich, soweit protokollierbar: dass alles noch da sei, jede Sache am richtigen Platz, in der richtigen Menge, in der richtigen Ordnung, und dass niemand dabei sei.

Auf Nachfrage, wer nicht dabei sei: keine Antwort.Auf Nachfrage, ob das Angst mache: die Patientin verneint.
Auf Nachfrage, was es dann sei: die Patientin sagt, es sei ruhig.

Restliche Sitzungsdauer schweigend. In der Nachbesprechung nicht erinnerlich oder nicht mitteilbar.

Bewertung Selle. Keine unerwünschten Ereignisse. Antwortverhalten unverändert flach. Der Satz aus der Sitzung ist der erste eigeninitiative Beitrag seit Sitzung 5 und in seiner Struktur bemerkenswert. Sitzung 10 vor Antritt der Reise, Termin einzuhalten. Ich habe der Patientin von der Reise abgeraten. Sie hat den Rat entgegengenommen.

Feldnotiz, vor Antritt

Der Auftrag heißt Auslagerung, und das ist kein Wort, das jemand für dieses Gebiet erfunden hätte. Es steht in unserer Verfahrensordnung seit Jahrzehnten und meint den Vorgang, ein Material aus einem gefährdeten Bestand in einen sicheren zu bringen, bevor der gefährdete aufhört zu bestehen. Meistens geht es um Hochwasser oder um eine Bebauung. Zweimal in meiner Dienstzeit ging es um Krieg.

In der Altmark geht es um nichts, das sich benennen lässt.

Ich habe die Akten zweimal gelesen, weil ich beim ersten Mal glaubte, mir sei etwas entgangen. Beim zweiten Mal war klar, dass nichts fehlte. Es gab nur nichts. Die amtliche Bezeichnung lautet Bodenkontamination unklarer Genese, Sperrbezirk mit Betretungsverbot, neunzig Quadratkilometer beim Erlass, hundertsechs bei der letzten Fortschreibung. Es gibt keine Werte, die überschritten wären. Es gibt keinen Stoff, der nachgewiesen wäre. Es gibt zwei Dutzend Analysen, deren Ergebnis in jedem einzelnen Fall lautet, dass ein Befund vorliegt, der sich keiner Substanzklasse zuordnen lässt.

Die Sperre hat keine Grenze, die man sehen könnte. Sie hat nur eine, die man bestimmt. Man zieht eine Bodenprobe, schickt sie ins Labor, und wenn der Befund vorliegt, gehört die Fläche zum Bezirk. Die Kreisverwaltung führt eine Karte, in der die Linie viermal im Jahr neu gezeichnet wird, immer nach außen, nie um viel. Auf der Karte sieht das aus wie das Wachstum eines Sees. Vor Ort sieht es aus wie gar nichts. Die Linie läuft über Äcker, an denen sie sich in nichts unterscheidet, über einen Kiefernbestand, dem man sie nicht ansieht, quer durch ein Dorf, dessen eine Straßenseite gesperrt ist und dessen andere nicht.

Ich fahre hin, weil in dem Bezirk vier Flächen liegen, die in unserem Register als unikale Herkünfte geführt werden, und weil ein unikaler Bestand ein Bestand ohne Doppel ist. Ein Roggen, den seit hundertfünfzig Jahren dieselben drei Höfe nachbauen und der sonst nirgends existiert. Eine Wildform des Grases auf den Binnendünen, die wir in der Sammlung nur als vierzig Jahre altes Material haben, keimfähig zu unter zehn Prozent. Zwei Streuobstlagen mit Sorten, die in keinem Verzeichnis mehr stehen, weil man aufgehört hat, sie zu verzeichnen. Vier Flächen, sonst nichts, und wenn der Bezirk sie irgendwann verschluckt, dann verschwindet ein Möglichkeitsraum, den niemand wiederherstellen kann, weil ihn niemand vollständig kennt.

Das ist der ganze Beruf. Man bewahrt Möglichkeiten auf, von denen man nicht weiß, wofür man sie einmal brauchen wird, und rechtfertigt die Kosten mit einer Zukunft, in der es sich zeigen wird. Ich habe diesen Satz jahrelang bei Anhörungen gesagt und geglaubt, dass ich ihn glaube.

Man hat mich gefragt, ob ich fahren will. Man fragt so etwas, wenn man niemanden anweisen möchte. Ich habe gesagt, dass ich das Sammelgebiet seit siebzehn Jahren betreue und dass es keinen Grund gibt, jemand anderen zu schicken. Das ist wahr und es ist nicht der Grund.

Feldnotiz, 12.04.

Kelb von der Kreisverwaltung holt mich in Salzwedel ab. Er ist der Mann für die Karte, er zieht die Proben, er zeichnet die Linie, und er sagt mir schon im Auto, dass er nicht mit hineinkommt. Nicht aus Angst, sagt er. Wegen der Vorschrift. Später sagt er, es sei auch die Vorschrift.

Wir fahren über Land, das ich kenne. Sandböden, schwach, hell, in der Sonne fast weiß auf den Wegen. Kiefer, Kiefer, dann eine Windschutzhecke, dann wieder Kiefer. Dörfer aus Feldsteinen und Rissen. Die Altmark hat immer ausgesehen wie eine Landschaft, aus der man alles schon herausgeholt hat, was herauszuholen war, und die es einem nicht übelnimmt.

Kelb redet ohne Pause, bis wir am ersten Schild vorbeikommen, und danach nicht mehr. Das Schild ist unauffällig, weiß, amtlich, mit der Nummer des Erlasses. Dahinter geht der Acker weiter. Ich sehe hin und suche automatisch nach dem, wonach man in solchen Fällen sucht. Kümmerwuchs. Lücken im Bestand. Nekrosen an den Rändern der Blätter. Ein Aussetzen des Grüns, wo etwas im Boden liegt.

Es ist nichts da. Die Wintergerste steht gleichmäßig, gut bestockt, in einer Farbe, die ich für den zwölften April eine Woche zu weit vorne finde und keine Woche mehr. Der Roggen schiebt Ähren. Mitte April. In diesem Land ist das vier Wochen zu früh; es ist kein Schaden und keine Abweichung im Sinne der Kategorien, also steht es in keinem Bericht. Ich vermerke es hier als ersten Eintrag einer Reihe, von der ich heute noch nicht weiß, dass sie eine ist. Am Feldrand blüht Ackerhellerkraut, an dem nichts auffällt. Über dem Schlag steht eine Feldlerche und singt, wie Feldlerchen singen, ohne dass daran etwas zu deuten wäre, und Kelb sieht hoch und dann weg.

Was ich in den nächsten Tagen begreife und heute nur notiere, weil es der erste Satz war, der mir kam: Es fehlt nichts.

In jedem Schadensfall, den ich in meiner Dienstzeit gesehen habe, fehlte etwas. So funktioniert ein Schaden. Es gibt eine Zahl, die kleiner geworden ist. Hier gibt es keine. Die Erträge des Bezirks liegen in den drei Jahren vor der Sperre über dem Kreisdurchschnitt und in den fünf Jahren danach ebenfalls, wobei nur noch Restbewirtschaftung stattfindet und die Zahlen entsprechend dünn sind. Die Fischerei auf den beiden Seen wurde eingestellt, ohne dass ein Sterben gemeldet worden wäre, und die letzten Befischungsprotokolle weisen Bestände aus, die stärker sind als in den Jahren zuvor. Die Brutvogelkartierung des zweiten Sperrjahres ist die vollständigste, die es für diesen Kreis gibt.

Ich habe Kelb gefragt, warum umgesiedelt wurde, wenn niemand krank geworden ist.

Er hat lange nichts gesagt und dann geantwortet, die Leute seien von selbst gegangen, die meisten jedenfalls, und die Umsiedlung sei hinterhergekommen und habe das nur noch geordnet. Auf die Frage, warum sie gegangen sind, hat er die Schultern gehoben. Später am Tag, an einer Schranke, als wir warteten, hat er den Satz doch beendet. Sie hätten gesagt, es sei so still geworden, und wenn man nachgefragt habe, hätten sie zugegeben, dass es nicht wirklich still sei. Die Vögel waren ja da. Die Trecker waren da. Es habe sich nur nicht mehr angehört wie ein Ort, an dem etwas passiert.

Ich habe das aufgeschrieben, weil ich es verstanden habe, bevor ich darüber nachdenken konnte.

Akzessionseinträge, Sammelkampagne Q-Altmark

AKZ 4471.01Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 3, Flurstück 118/2
Taxon:
Secale cereale L., Landsorte, lokale Bezeichnung Beetzendorfer WinterMaterial: Ähren, 3
17 Einzelentnahmen aus 12 PunktenEntnahme: 13.04., 08:40 bis 11:15
Erfassung: 13.04., 19:02, HV
Zustand: Bestand geschlossen, keine Anzeichen von Krankheit oder Schädigung. Halmlänge im oberen Bereich der Sortenbeschreibung. Bestockung auffällig gleichmäßig.
Bemerkung: Keine.

AKZ 4471.02Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 3, Randstreifen und Böschung
Taxon: Begleitflora, gemischt, 14 Arten, Bestimmung vor Ort
Material: Herbarbelege, Samen soweit verfügbar
Entnahme: 13.04., 11:30 bis 13:00
Erfassung: 13.04., 19:20, HV
Zustand: Vollständig.
Bemerkung: Vollständig im Sinne der Referenzliste von 2019. Das kommt nicht vor. Randstreifen verlieren Arten, sie gewinnen keine zurück. Alle vierzehn Arten der historischen Liste sind vorhanden, keine zusätzliche.

AKZ 4471.04Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 3, Bodenprofil am Feldrand
Taxon: entfällt
Material: Bodenproben, 4 Tiefen, dazu Wurzelmaterial
Entnahme: 14.04., 07:10
Erfassung: 14.04., 12:55, HV
Zustand: siehe Feldnotiz.
Bemerkung: Entnahme nicht im Auftrag. Auf eigene Veranlassung.

Feldnotiz, 14.04.

Das Profil habe ich gegraben, weil der Roggen zu gut stand.

Das ist kein Verdacht, mit dem man in ein Labor gehen kann. Aber ein Bestand, den seit hundertfünfzig Jahren dieselben Höfe nachbauen, ist eine Landsorte, und Landsorten stehen ungleichmäßig. Das ist ihre Eigenschaft und der Grund, warum wir sie aufheben. Sie sind kein Produkt, sie sind eine Streuung. In einer Landsorte steht immer eine Pflanze, die zu früh schießt, und eine, die zu spät reift, und eine, die in einem Jahr wie diesem versagt und in einem anderen Jahr die einzige ist, die noch dasteht. Genau diese Streuung ist das Material, das wir sichern. Der Bestand auf Flurstück 118/2 ist geschlossen wie ein Zuchtstamm im dritten Vermehrungsjahr.

Also habe ich gegraben. Achtzig Zentimeter, dann bis auf einssechzig.

Der Boden ist der Boden, den ich erwartet habe. Podsoliger Sand, schwach humos, im Oberboden die dunkle Zone, darunter das ausgewaschene Blass, darunter der rostige Streifen, in dem sich sammelt, was von oben durchgelaufen ist. Ein Bodenprofil dieser Gegend, wie es im Lehrbuch abgebildet ist. Ich habe es fotografiert und angesprochen und die Proben genommen und eine Zigarette geraucht, die erste seit vier Jahren, weil ich mich lächerlich fand.

Beim Einfüllen des Wurzelmaterials habe ich es gesehen.

An den Feinwurzeln sitzt ein Geflecht. Das ist normal, an Feinwurzeln sitzt fast immer ein Geflecht, die allermeisten Landpflanzen leben in Gesellschaft mit Pilzen, und ohne diese Gesellschaft wäre die Vegetation dieses Planeten nicht denkbar. Man sieht die Verbindung mit der Lupe als feinen weißen Filz, unregelmäßig, in Nestern, dicht dort, wo es sich lohnt, und ausgedünnt dort, wo es sich nicht lohnt. Sie folgt dem Ertrag, wie alles Lebendige dem Ertrag folgt.

Was an diesen Wurzeln sitzt, ist gleichmäßig.

Ich habe eine Stunde in der Hocke gesessen und Wurzel für Wurzel unter die Lupe gehalten. Die Belegung ist dieselbe an der Hauptwurzel wie an der letzten Faser. Sie ist dieselbe im humosen Oberboden und in der ausgewaschenen Zone, in der für einen Pilz nichts zu holen ist. Sie ist dieselbe an dem Stück Wurzel, das durch eine Sandlinse läuft, in der kein Nährstoff steht und nie einer stand.

Es ist kein Belag. Es liegt an. Man kann es abziehen, es zerreißt nicht, es löst sich, und darunter ist die Wurzel unbeschädigt. Keine Nekrose, keine Verbräunung, kein Eindringen ins Gewebe. Nichts, was man einem Erreger zuschreiben würde. Auch nichts, was man einem Partner zuschreiben würde, denn ein Partner nimmt und gibt und richtet sich danach ein, wo genommen und gegeben wird. Dieses Ding richtet sich nach nichts.

Ich habe abends in der Unterkunft die Wurzeln unter das Feldmikroskop gelegt und den Rest der Nacht gebraucht, um zu formulieren, was mich stört, und die Formulierung ist so einfach, dass ich sie dreimal verworfen habe, bevor ich sie stehen ließ.

Es hat kein Interesse.

Alles Lebendige, das ich in meinem Beruf gesehen habe, hat Interessen. Nicht im Sinn eines Wollens, sondern im Sinn einer Verteilung. Wo etwas zu holen ist, wird es dichter. Wo nichts zu holen ist, dünnt es aus. Diese Verteilung ist die Handschrift des Lebendigen, und man kann sie lesen wie eine Schrift, das ist die halbe Feldarbeit. Man sieht einem Wurzelballen an, wo der Boden gut war.

An diesem Wurzelballen sieht man gar nichts. Er ist überall gleich erschlossen. Auch dort, wo es sich nicht lohnt.

Feldnotiz, 16.04.

Zwei Tage in der Bibliothek des Kreises und am Telefon, gegen meinen Auftrag, aber ich musste wissen, ob ich etwas verwechsle.

Was ich weiß, weiß jeder in meinem Fach. Ein einzelliges Wesen wie Physarum polycephalum zieht sich in einem Labyrinth auf die kürzeste Verbindung zusammen, und unter jedem Wald verteilen Pilzgeflechte Stoffe nach lokalen Bedingungen, ohne Zweck, mit Ergebnissen, die aussehen wie Lösungen. In keinem dieser Fälle ist jemand zu Hause. Rechnen ohne jemanden, der rechnet. Das steht in den Lehrbüchern und beunruhigt niemanden, weil die Wesen klein sind und die Aufgaben klein.

Ich habe die Wurzelproben noch einmal ausgelegt und die Bodenkarten des Kreises daneben. Die Frage, die dabei entstand, ist die einzige, die ich seither noch stelle. Wenn ein solches Netz nicht dem Ertrag folgt, sondern auch dorthin geht, wo nichts zu holen ist, dann löst es nicht mehr das Problem, das Netze dieser Art lösen. Dann löst es ein anderes.

Ich weiß nicht, welches. Ich weiß nur, wie die Lösung aussieht, denn sie liegt unter hundertsechs Quadratkilometern und ist an jeder Stelle gleich dicht.

Feldnotiz, 17.04.

Kelb hat mir die Karte gegeben, alle Fortschreibungen seit dem Erlass, übereinandergelegt.

Die Linien liegen ineinander wie die Höhenlinien eines flachen Hügels, aber der Hügel hat keine Spitze. Es gibt keinen Ort im Bezirk, an dem es zuerst war. Die früheste Fläche ist bereits eine Fläche, neunzig Quadratkilometer beim ersten Erlass, und sie folgt keinem Wasserlauf, keiner Bodenart, keiner Windrichtung, keiner Straße, keinem Betriebsgelände. Ich habe das geprüft, weil es das Erste ist, was man prüft. Ein aufgelassener Schafstall, zwei Windparks, eine Kiesgrube. Keine Anlage, aus der jemals etwas ausgetreten wäre.

Die Ausdehnung liegt in den letzten drei Jahren bei einem knappen Prozent im Jahr und wird kleiner. Kelb sagt, es hört auf. Er sagt es hoffnungsvoll und ich habe ihm nicht widersprochen, weil ich keinen Grund für den Widerspruch nennen könnte, außer dem einen: Etwas hört nicht auf, weil es müde wird. Es hört auf, wenn es fertig ist.

Vorhin, im Dunkeln, auf dem Weg von der Unterkunft zum Wagen, ist mir aufgefallen, dass ich seit fünf Tagen nicht ein einziges Mal an die Sitzung gedacht habe, die vor mir liegt, und nicht ein einziges Mal an die letzte. Selle würde daraus etwas machen. Ich mache daraus, dass hier etwas ist, das mich beschäftigt, und das ist mehr, als ich seit drei Jahren über irgendetwas sagen konnte.

Morgen zur Teilfläche 7. Dort stehen die Streuobstlagen, und dort war seit der Sperre niemand mehr.

II. Die zweite Sammlung

Feldnotiz, 18.04.

Zur Teilfläche 7 führt kein Weg mehr, den ein Wagen nimmt. Ich habe an der alten Ziegelei geparkt und bin die letzten zwei Kilometer gegangen, mit dem Rucksack und der Presse und dem Kühlbehälter, an einem Morgen, der so schön war, dass ich zweimal stehen geblieben bin, ohne einen Grund dafür zu haben.

Die Streuobstlagen der Altmark sind Reste. Man muss das wissen, um zu verstehen, was mich erwartet hat. Hochstämme auf Grünland, gepflanzt zwischen 1880 und 1930, seit zwei Generationen nicht mehr geschnitten, seit einer nicht mehr beerntet. So etwas stirbt langsam und in einer bestimmten Reihenfolge. Zuerst gehen die Bäume an den nassen Stellen, dann die auf dem Buckel, wo der Sand zu schnell trocknet. Die Kronen brechen aus, weil niemand die Zwiesel entlastet hat. Die Mistel kommt. Das Grünland verschilft oder wird gedüngt und geht in Fettwiese über, und aus den Lücken zwischen den Bäumen wächst nichts nach, weil niemand nachpflanzt. Am Ende steht eine Handvoll Greise in einer Wiese, und wenn man Glück hat, ist einer davon eine Sorte, die es sonst nicht mehr gibt.

Ich kenne die Lage auf Teilfläche 7 aus dem Jahr vor der Sperre. Ich war zweimal dort. Meine Aufnahme von damals verzeichnet einundvierzig Bäume, davon neun mit starkem Kronenbruch, vier abgängig, drei tot und stehend. Die Wiese darunter war überständig, mit Ansätzen von Verbuschung an der Nordseite.

Heute stehen dort achtundfünfzig Bäume.

Ich habe zweimal gezählt und beim zweiten Mal jeden Stamm mit Kreide markiert, weil ich mir nicht traute. Achtundfünfzig. Die einundvierzig von damals sind darunter, ich habe sie wiedergefunden, alle, an den Brüchen und den Wunden, die ich fotografiert hatte, sogar die drei toten, die noch stehen und in deren Rinde meine alten Nummernplaketten sitzen. Nichts ist gestorben. Und zwischen ihnen stehen siebzehn Bäume, die ich nicht kenne.

Es sind keine Sämlinge. Ein Sämling aus einer solchen Wiese ist ein krummer, dorniger Wildling, der in fünfzehn Jahren mannshoch wird, wenn ihn niemand mäht. Diese Bäume sind Hochstämme mit gerader Achse, sauber aufgeastet bis in zwei Meter, mit Kronen, wie man sie in den ersten Standjahren erzieht und danach nie wieder korrigiert. Sie haben die Statur von Bäumen, die dreißig Jahre alt sind. Sie stehen im Verband. Nicht in Reihen, dafür ist die alte Lage zu unordentlich, aber sie stehen in den Lücken, und zwar in genau den Lücken, in denen einmal Bäume gestanden haben. Ich habe die Positionen mit meiner Aufnahme von damals verglichen, und dann noch einmal mit einem Luftbild von 1953, das der Kreis führt.

Sie stehen dort, wo 1953 Bäume standen.

Die Wiese darunter ist nicht verschilft. Sie ist eine magere Glatthaferwiese in einem Zustand, für den es in unserer Kartierung eine Wertstufe gibt, die in diesem Landkreis seit den Neunzigern nicht mehr vergeben wurde. Ich habe eine Stunde lang Arten aufgenommen und dabei einen Zustand erreicht, den ich nur beschreiben kann, indem ich ihn zugebe. Eine Liste wie diese ist im April nicht vollständig aufzunehmen; ein Drittel dieser Arten ist vor Mai nicht zu bestimmen. Hier waren alle bestimmbar. In diesem Bezirk ist alles um Wochen weiter, manches um Monate, und niemand hat es je protokolliert, weil es in keine Schadenskategorie fällt.

Ich habe mich gefreut. Es war die reine, dumme Freude eines Menschen, der etwas sieht, das es nicht mehr gibt, und die Freude hielt an, bis ich am Rand der Lage stand und begriff, dass die Grenze der Wiese die Grenze eines Flurstücks ist. Genau die Grenze. Auf einen Meter. Jenseits davon liegt Fettwiese, dreischnittig, wie überall.

Kein Prozess der Natur hört an einer Katasterlinie auf.

Es sei denn, er hat sie gelesen.

Akzessionseinträge, Fortsetzung

AKZ 4471.09Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Flurstück 204
Taxon:
Malus domestica Borkh., Hochstämme, AltbestandMaterial: Blattproben von 41 Individuen, je 6 Blätter, Trocknung über Silikagel
Entnahme: 18.04., 09:00 bis 12:20
Erfassung: 18.04., 21:40, HV
Zustand: Kronenzustand entsprechend Aufnahme von 2039, keine Verschlechterung. An 9 Bäumen mit früherem Kronenbruch ist die Wundheilung weiter fortgeschritten als erwartet.
Bemerkung: Baumnummern entsprechen den Plaketten der Altaufnahme.

AKZ 4471.10Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Flurstück 204
Taxon:
Malus domestica Borkh., Hochstämme, unbekannter ZugangMaterial: Blattproben von 17 Individuen, je 6 Blätter, Trocknung über Silikagel
Entnahme: 18.04., 12:40 bis 15:10
Erfassung: 18.04., 21:55, HV
Zustand: Ungeschnitten, aber ohne Schnittfolgen. Keine Astabbrüche, kein Mistelbefall, keine Rindenschäden. Stammdurchmesser 22 bis 29 cm.
Bemerkung: Diese Bäume sind in keiner mir bekannten Aufnahme verzeichnet. Veredelungsstelle bei allen 17 Individuen vorhanden, sauber verwachsen, Höhe über Boden 12 bis 15 cm, das entspricht der Erziehung eines Baumschulbetriebs. Es gibt in diesem Landkreis seit 2011 keine Baumschule mehr.

AKZ 4471.11Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Grünland unter dem Bestand
Taxon: Pflanzengesellschaft, magere Glatthaferwiese, 63 Arten
Material: Herbarbelege, Samen soweit reif
Entnahme: 18.04., 15:30 bis 18:00
Erfassung: 19.04., 07:15, HV
Zustand: Vollständig.
Bemerkung: 63 Arten entsprechen exakt der Artenliste, die ich 2039 als historischen Referenzzustand für diesen Wiesentyp rekonstruiert und im anhang-2">anhang">Anhang meines damaligen Berichts veröffentlicht habe. Die Liste war eine Rekonstruktion. Sie war kein Bestand. Sie war ein Vorschlag, wie diese Wiese vor 1950 ausgesehen haben könnte.

Feldnotiz, 19.04., nachts

Die Veredelungsstelle ist das, worüber ich nicht hinwegkomme.

Ein Apfelbaum lässt sich nicht aussäen. Das ist der Grund, warum Apfelsorten überhaupt Sorten heißen und nicht Rassen. Der Apfel ist selbststeril und in seinem Erbgut so verschieden von sich selbst, dass aus einem Kern nie wieder der Baum wird, von dem der Kern stammt. Er wird etwas anderes, meistens etwas Schlechteres, gelegentlich, alle paar hunderttausend Kerne, etwas Neues, das dann einen Namen bekommt und drei Jahrhunderte durch die Gärten geht. Jede Sorte auf dieser Welt ist deshalb ein einziger Baum, der sich seit seiner Entdeckung nur auf eine Weise vermehrt hat, nämlich indem ein Mensch ein Stück von ihm abgeschnitten und auf eine fremde Wurzel gesetzt hat. Sorte heißt: eine Wunde, die verwachsen ist, tausendfach wiederholt.

Deshalb sitzt an jedem Kulturapfel eine Veredelungsstelle. Sie ist der Beweis für einen Menschen. Nicht für einen bestimmten, aber für irgendeinen, mit einem Messer, in einem März, vor so und so vielen Jahren.

An diesen siebzehn Bäumen sitzt eine Veredelungsstelle. Sauber, tief angesetzt, in der Höhe, wie sie eine Baumschule setzt, die auf Hochstamm erzieht.

Es gibt keinen Menschen dazu.

Ich habe heute den ganzen Tag daran gearbeitet, mir einen zu erfinden. Ein Verein für Sortenerhalt, der vor der Sperre gepflanzt und es nicht dokumentiert hat. Ein Förderprogramm, dessen Unterlagen im Kreisarchiv liegen und das niemand mehr kennt. Ein Landwirt mit einer Marotte. Ich habe Kelb angerufen und die Landgesellschaft und zwei Leute vom Naturschutzbund, die diese Gegend seit vierzig Jahren kennen, und die Antwort war dreimal dieselbe. Auf 204 ist seit 1968 nichts gepflanzt worden.

Und selbst wenn. Dann stünden dort siebzehn Bäume, gepflanzt vor dreißig Jahren, von jemandem, der die Positionen des Luftbildes von 1953 kannte und die Katastergrenze auf den Meter einhielt und danach nie wieder auf die Fläche kam, denn geschnitten wurde nie.

Die Blattproben gehen morgen früh mit dem Kurier nach Gatersleben. Petzold macht das Genotyping, sie hat den Referenzsatz für die norddeutschen Lokalsorten aufgebaut, sie kennt alles, was in dieser Datenbank steht. Ich habe ihr geschrieben, sie möge die siebzehn zuerst laufen lassen und mich anrufen, egal wann.

Danach habe ich lange wach gelegen und mir vorgestellt, wie es sein wird, wenn die Bäume sich als das herausstellen, was sie am wahrscheinlichsten sind, nämlich als ein Missverständnis. Als drei verschiedene handelsübliche Sorten aus den Neunzigern, gepflanzt von einer Behörde, die es nicht mehr gibt.

Ich habe mir das sehr genau vorgestellt, und ich habe gemerkt, dass ich es nicht als Erleichterung vorstelle.

Feldnotiz, 22.04.

Petzold hat um kurz nach elf angerufen und mit einem Satz begonnen, der nicht ihr gehört. Sie hat gesagt: Hanne, wo hast du die her.

Von den siebzehn sind vierzehn im Referenzsatz vorhanden. Vierzehn alte Sorten, davon sechs, die als in situ erloschen geführt werden, was bedeutet, dass es keinen bekannten lebenden Baum mehr gibt, sondern nur noch, was wir in der Sammlung haben. Reiser im Sortengarten, wo es gut lief, Herbarbelege und Kernproben, wo es schlecht lief. Zwei der sechs kennen wir nur noch als Genotyp. Von diesen beiden gibt es in dieser Welt kein Holz. Es gibt einen Datensatz, gewonnen aus gepresstem Blattmaterial aus einer Sammlung, die 1954 aufgelöst wurde, und einen Namen. Salzwedeler Rotstreifling ist der eine. Der andere hat nicht einmal mehr einen Namen, er hat eine Nummer aus unserem eigenen Register.

Beide stehen auf Flurstück 204 und tragen Blätter.

Petzold war die Erste, die es aussprach, und sie hat es fachlich getan, deshalb schreibe ich ihre Formulierung auf und nicht meine. Sie sagte, die Profile seien nicht ähnlich. Sie seien identisch, aber sauber. Und das sei das Problem.

Man muss dazu wissen, wie ein alter Apfelbaum aussieht, wenn man ihn nicht ansieht, sondern liest. Eine Sorte, die seit dreihundert Jahren durch Veredelung wandert, sammelt unterwegs Fehler. In jedem Trieb, aus dem ein Reis geschnitten wird, sitzen kleine Abweichungen, die beim Kopieren entstanden sind, und weil man immer nur einen Ast weiterreicht und nie den ganzen Baum, erbt der nächste Baum die Fehler dieses einen Astes und macht neue dazu. Deshalb sind zwei Bäume derselben Sorte auf zwei Wiesen nie exakt dasselbe. Sie sind Vettern. Man kann an den Abweichungen ablesen, über welche Wege die Sorte gelaufen ist, wie ein Stammbaum aus Kopierfehlern. Gelegentlich wird aus so einem Fehler etwas Sichtbares, ein Ast, der früher reift oder röter färbt als der Rest des Baumes, und wenn ein Obstbauer aufmerksam ist, schneidet er von diesem Ast und hat eine neue Sorte. Der ganze Obstbau lebt davon.

Die vierzehn Bäume auf 204 haben keine Kopierfehler.

Sie tragen den Genotyp, der bei uns im Register steht, ohne jede der Abweichungen, die dreißig Jahre Wachstum in ein Gewebe schreiben. Auch ohne die, die jeder Baum in sich selbst erzeugt, unabhängig von seiner Herkunft, allein weil er dreißig Sommer lang Zellen geteilt hat. Petzold hat es zweimal wiederholen lassen, mit frischem Material aus der Rückstellprobe, und sie hat die Kontrollen dreifach mitlaufen lassen, weil ihr erster Gedanke Kontamination war und mein erster auch.

Es ist keine Kontamination.

Was dort steht, ist nicht von einem Baum abgeschnitten worden. Es ist nach einer Beschreibung gebaut. Ein Abzug vom Register, nicht vom Original, und deshalb fehlt ihm alles, was ein Leben an einem Körper hinterlässt. Petzold hat gesagt, es sei, als hätte jemand einen alten Stich nicht abfotografiert, sondern neu gestochen, nach den Maßen. Dann hat sie eine Weile nichts gesagt und dann gefragt, ob ich das melden werde und an wen.

Ich habe geantwortet, dass ich das noch nicht wisse.

Ich weiß es weiterhin nicht. Was ich weiß, ist die Reihenfolge, und die Reihenfolge ist das Schlimmste. Bei zwei dieser Sorten gab es zuerst den Datensatz und dann den Baum. Das Register unseres Hauses ist älter als das Lebewesen, das es beschreibt.

Akzessionseinträge, Fortsetzung

AKZ 4471.15Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Binnendüne, Nordhang
Taxon:
Armeria maritima subsp. elongata, WildpopulationMaterial: Blattrosetten, Samen aus Vorjahresständen
Entnahme: 23.04., 09:40
Erfassung: 23.04., 20:25, HV
Zustand: Etwa 400 blühfähige Individuen.
Bemerkung: Für diesen Standort ist die Art seit 1974 nicht mehr belegt. D
as nächste bekannte Vorkommen liegt 90 km westlich. Die Herkunft, die dort wächst, ist nicht die westliche. Nach dem Profil ist es die von 1974.

AKZ 4471.16Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Binnendüne, Südhang
Taxon:
Jurinea cyanoides (L.) Rchb.Material: Blattproben, keine Entnahme von Individuen
Entnahme: 23.04., 11:00
Erfassung: 23.04., 20:40, HV
Zustand: 31 Individuen, vital.
Bemerkung: Diese Art hat in der Altmark nie gestanden. Sie steht auf Binnendünen in Hessen und in Brandenburg. Das Profil der 31 Individuen entspricht der Herkunft Mainz-Gonsenheim, aus der bei uns seit 2016 Material liegt.

Feldnotiz, 24.04.

Bis zum dreiundzwanzigsten habe ich mit einer Erklärung gearbeitet, die ich für unbequem hielt und die in Wahrheit die tröstliche war. Ich dachte, hier stellt sich etwas wieder her. Das Gebiet holt zurück, was in ihm einmal vorhanden war, es liest den Boden, die Samenbank, die Reste, und rekonstruiert daraus einen früheren Zustand. Ein Prozess ohne Zweck, aber mit einer Richtung, die ich verstehen kann, weil ich sie selbst verfolge, wenn ich Material auslagere. So etwas kann ein Netz. Es sitzt im Boden, es hat Zugriff auf alles, was dort an Erbmaterial liegt, und Erbmaterial liegt sehr viel länger im Boden, als die Leute glauben.

Die Silberscharte auf dem Südhang beendet das.

Sie hat hier nie gestanden. Nicht 1974, nicht 1953, nicht in irgendeinem Zustand, den dieser Boden je getragen hat. Ihr Material liegt in unserem Sortengarten in einer Kühlkammer, seit 2016, dreihundertsiebzig Kilometer von hier, in Tüten mit unseren Nummern darauf.

Von dieser Fläche gibt es keine Verbindung dorthin. Kein Wasser, kein Wind, kein Tier, kein Fahrzeug. Ich bin die einzige Person, die in diesem Jahrzehnt beides betreten hat, und ich bin am dreiundzwanzigsten zum ersten Mal auf diesem Hang gewesen und habe die Pflanzen dort blühfähig vorgefunden, in einem Alter von mehreren Jahren.

Es stellt nichts wieder her. Es hält vor.

Ich schreibe das Wort in seiner bibliothekarischen Bedeutung. Ein Bestand hält vor, was in seinen Katalog gehört, unabhängig davon, ob es je in diesem Gebäude gestanden hat, unabhängig davon, ob es jemand verlangt. Vollständigkeit ist kein Ziel eines Naturprozesses. Vollständigkeit ist ein Kriterium von Sammlungen.

Ich habe den Abend damit verbracht, unser eigenes Register durchzugehen, und ich habe die Suche so eingerichtet, wie ich sie einrichten würde, wenn ich prüfen wollte, ob jemand bei uns gestohlen hat. Von allem, was ich in diesem Bezirk gefunden habe und was nicht hierhergehört, liegt bei uns Material. Von allem. Nicht von jedem Bestand des Landes, nicht von jeder Herkunft, die es gäbe, sondern genau von den Herkünften, deren Nummern in unseren Kammern stehen.

Es hält nicht die Region vor. Es hält uns vor.

Wenn das ein Diebstahl wäre, wäre ich erleichtert. Ein Diebstahl hätte einen Weg. Man könnte ihn verfolgen, man könnte fragen, wer, man käme zu einem Menschen oder einer Firma oder einem Programm, und dann hätte man es mit etwas zu tun, das etwas will. Ich habe zwei Tage lang nach dem Weg gesucht und ich sage hier, in meinem eigenen Katalog, dass ich keinen gefunden habe und dass mir keiner einfällt, der nicht albern ist.

Und dann sitzt man da und merkt, dass die Frage nach dem Weg nur die zweite ist.

Die erste lautet: Für wen.

Eine Sammlung ist kein Haufen. Ein Haufen entsteht, eine Sammlung wird geführt. Was sie zur Sammlung macht, ist nicht die Vollständigkeit und nicht die Ordnung, das haben Halden auch. Es ist die Ausgabe. Es gibt einen Katalog, damit jemand suchen kann. Es gibt Signaturen, damit jemand findet. Es gibt Kühlkammern und Keimprüfungen und Vermehrungszyklen, damit das Material im Zustand der Abgabe bleibt, für einen Züchter in siebzig Jahren, für eine Dürre, die noch nicht stattgefunden hat, für ein Kind, das noch nicht geboren ist. Das ganze Haus, in dem ich seit siebzehn Jahren arbeite, steht auf einer einzigen Annahme, und die Annahme lautet, dass irgendwann jemand kommt und etwas verlangt.

Auf hundertsechs Quadratkilometern in der Altmark liegt ein Bestand, der vollständiger ist als unserer, besser erhalten als unserer und lebendig, und es gibt keinen Lesesaal.

Ich habe für dieses Ding kein Wort. Es ist keine Bibliothek, weil das Lesen fehlt. Es ist kein Archiv, weil das Erinnern fehlt, denn Erinnern heißt, dass es einen gibt, für den etwas vergangen ist. Es ist auch keine Arche, obwohl mir dieses Wort dreimal gekommen ist, denn eine Arche fährt auf etwas zu.

Es ist der vollständigste Katalog des Lebendigen, den ich kenne, und er wird nie aufgeschlagen.

Feldnotiz, 26.04.

Ich schreibe das hier hinein, weil dieser Katalog auch aufnehmen soll, was ich nicht unterbringen kann, und weil ich es morgen anders aufschreiben würde als heute.

Teilfläche 6, Kiefernschonung am Westrand, gegen halb vier.

Zwischen den Stämmen stand ein Mann. Er war etwa vierzig Meter entfernt, er kam nicht näher, und er sprach, obwohl vierzig Meter zu weit sind, um in einem Kiefernbestand verstanden zu werden.

Er sagte, ich sei nicht krank. Er sagte, ich sei lange nicht gehalten worden, er sei gekommen, um zu heilen, und er bringe die Liebe zurück, die man mir genommen habe. Er hat es zweimal gesagt, wörtlich gleich, in derselben Betonung, wie eine Ansage, die abgespielt wird.

Ich habe gefragt, wer er sei. Er hat einen Namen gesagt, ein englisches Wort, Pine. Ich schreibe es in dieser Schreibweise, ohne angeben zu können, warum ich sie für die richtige halte.

Links von ihm, halb in der Schonung, stand ein Wagen älterer Bauart, ein VW Käfer, hellblau, ohne Kennzeichen. Es gibt keinen Weg, auf dem man dort einen Wagen abstellt. Während er sprach, trat er einen Schritt zur Seite und urinierte gegen das linke Hinterrad. Der Boden um ihn wurde grau. Er sprach dabei weiter, im selben Tonfall, ohne Unterbrechung. Ich notiere es, weil ich es gesehen habe und weil es in keinen Zusammenhang passt, den ich herstellen könnte.

Ich beschreibe es so genau, wie ich kann. Es gab keinen Schatten, die Sonne stand im Westen und traf die Fläche. Es war kein Absterben, kein Welken, keine Verfärbung in dem Sinn, in dem ich das Wort benutze. Die Vegetation stand aufrecht, die Nadelstreu lag, wie Nadelstreu liegt, die Drahtschmiele war straff und ungebrochen. Sie hatte keine Farbe. Der Rand des Bereichs war scharf und lief kreisförmig um ihn herum, mit einem Halbmesser, den ich anschließend abgeschritten habe, zweiundzwanzig Schritte.

Ich habe getan, was ich in siebzehn Jahren immer tue, wenn ich einer Farbangabe nicht traue. Ich habe die Bodenfarbtafel aus dem Rucksack genommen.

Die Tafel war farbig. Sie ist es hier auf dem Tisch noch. Ich habe sie an drei Stellen innerhalb des Bereichs gegen den Boden gehalten und an drei Stellen außerhalb. Außerhalb lässt sich ein Feld zuordnen, wie man ein Feld zuordnet. Innerhalb lässt sich keines zuordnen, weil dort nichts ist, dem man eines zuordnen könnte. Der Boden war nicht grau im Sinne eines Grauwerts der Tafel. Er war ohne die Eigenschaft.

Ich habe achtzehn Aufnahmen gemacht. Auf den Aufnahmen ist eine Kiefernschonung am Nachmittag, in den Farben einer Kiefernschonung am Nachmittag. Es ist kein Mann darauf, und der Bereich ist nicht abzugrenzen.

Nach etwa vier Minuten war er nicht mehr da. Ich kann nicht angeben, wie er gegangen ist. Ich habe nicht weggesehen, und ich habe auch nicht gesehen, dass er sich bewegt hätte.

Ich bin danach hineingegangen und habe zwei Bodenproben genommen und eine Vegetationsaufnahme gemacht. Beides ist unauffällig. Der Bereich hat, während ich darin stand, keine Farbe gehabt, und meine Hände auch nicht. Ich habe es bemerkt und weitergearbeitet, und das ist der Teil, über den ich seither nachdenke.

Als ich draußen war, war alles wie immer.

Die Gegenrechnung, damit sie hier steht. Ich schlafe seit zwei Wochen vier bis fünf Stunden. Ich bin seit sechzehn Tagen allein. Ich stehe in einer laufenden Behandlung mit einem Stoff, dessen erwünschte Wirkung darin besteht, Wahrnehmung zu verändern. Ich habe in dieser Woche zweimal beim Aufwachen nicht gewusst, welcher Tag ist. Eine Farbtafel wird von einem Auge gelesen. Ein Halbmesser wird von Beinen abgeschritten, die zu demselben Menschen gehören.

Das ist die vollständige Gegenrechnung, und sie erklärt alles, was ich aufgeschrieben habe.

Sie erklärt nicht, warum ich weitergearbeitet habe.

Sitzungsprotokoll 2

Programm: Psilocybin bei therapieresistenter Depression, Härtefallverfahren
Patientin: Vogt, Hanne, Dr. rer. nat., 46
Sitzung: 10 von 12, nachgeholt
Begleitung: Dr. K. Selle, M. Torner
Dosis: 25 mg, oral
Anmerkung: Termin war vor Reiseantritt vorgesehen und wurde von der Patientin abgesagt. Anreise heute aus dem Einsatzgebiet, Rückreise für morgen früh angekündigt. Auf den Hinweis, dass eine Sitzung unter Erschöpfung und mit unmittelbarer Rückkehr in eine belastende Umgebung nicht dem Protokoll entspricht, besteht die Patientin auf Durchführung. Aufklärung erneuert, Einwilligung liegt vor.

Vorgespräch, Auszug.Deutliche Veränderung im Antwortverhalten gegenüber Sitzung 9. Die Patientin spricht von sich aus, zusammenhängend und über längere Strecken, ausschließlich über ihre Arbeit. Fachliche Details ohne Rücksicht darauf, ob sie verstanden werden. Auf die Frage nach Schlaf: vier bis fünf Stunden. Auf die Frage nach dem Essen: sie werde daran denken.
Auf die Frage nach ihrer Stimmung: die Patientin sagt, sie habe seit Jahren nicht so klar denken können, und fügt an, dies sei vermutlich kein gutes Zeichen.

Die Patientin berichtet unaufgefordert das Erlebnis vom 26.04., gegliedert, mit Zeit-, Orts- und Maßangaben, und trägt die Gründe, die gegen ihre eigene Wahrnehmung sprechen, vollständig und von sich aus vor.

Auf die Frage, ob sie das Erlebnis für wirklich halte: die Patientin antwortet, die Frage sei nicht zu beantworten, und sie habe sie deshalb nicht gestellt. Auf die Frage, was sie stattdessen gefragt habe: ob sie danach anders gearbeitet habe. Auf die Frage nach dem Ergebnis: nein.

Hinweis auf die Möglichkeit einer Wahrnehmungsstörung bei Schlafmangel, Isolation und laufender Behandlung erfolgt. Die Patientin bezeichnet diese Möglichkeit ausdrücklich als die wahrscheinlichste und kommt darauf nicht zurück.

Sie fragt, ob wir gemessen hätten, ob ihre Werte sich verbessert hätten. Auf die Antwort, dass die Skalen dies zeigen: die Patientin sagt, sie wolle wissen, ob das an der Behandlung liege. Auf die Antwort, dass sich das im Einzelfall nicht trennen lasse: die Patientin nickt und sagt, das habe sie befürchtet.

Verlauf.Unruhiger Beginn, vegetative Reaktion stärker als in den Vorsitzungen. Nach etwa 35 min Beruhigung.

Zwischen 60 und 90 min äußert die Patientin mehrfach dieselbe Beobachtung, sinngemäß gleichlautend. Sie sagt, es liege an. Auf die Frage, was anliege, sagt sie, alles. Auf die Frage, ob es sich um eine Berührung handle, verneint sie und erklärt, eine Berührung sei ein Ereignis mit zwei Seiten, hier gebe es nur eine. Sie beschreibt es als vollständige Anlage von etwas an etwas, ohne Druck, ohne Absicht, ohne Verlangen, in der Ausdehnung unbegrenzt und in der Wirkung gleich null.

Auf die Frage, ob sie damit ihren Körper meine oder das Gebiet, aus dem sie kommt, antwortet sie, sie sehe den Unterschied im Moment nicht.

Die Patientin weint zwischen 95 und 110 min anhaltend und ohne erkennbare Belastung. Auf spätere Nachfrage gibt sie an, es sei nicht Kummer gewesen. Es sei die Erleichterung darüber, dass an einer Sache nichts von ihr gewollt werde.

Gegen Ende der Sitzung ein einzelner weiterer Satz. Wörtlich: Es ist vollzählig und es ist niemand da und es geht ihm gut damit.

Bewertung Selle. Keine unerwünschten Ereignisse. Formal ein gutes Ansprechen, die Werte sind so gut wie zu keinem Zeitpunkt der Behandlung. Ich halte den Verlauf dennoch für ungünstig. Die Patientin hat in dieser Sitzung erstmals seit Behandlungsbeginn einen Zustand als angenehm beschrieben, und der Zustand, den sie beschreibt, ist die Abwesenheit von Anspruch. Das ist der Kern ihrer Erkrankung und nicht ihre Besserung.

Zur Schilderung vom 26.04. halte ich fest, dass eine einzelne Wahrnehmungsstörung unter den geschilderten Bedingungen erwartbar ist und für sich genommen keinen Befund darstellt. Nicht dazu passt die Haltung der Patientin. Sie behandelt das Erlebnis wie ein Messergebnis, das sie nicht verwenden kann, und sie hat es aufgeschrieben, bevor sie es bewertet hat. Ein solches Verhalten ist mir aus Verläufen mit produktiver Symptomatik nicht bekannt.Ich habe der Patientin dringend geraten, den Einsatz abzubrechen und Sitzung 11 stationär zu absolvieren. Sie hat gesagt, dass sie in drei Wochen zurück sei und dass dort etwas liege, das niemand sonst sehen könne.

Auf meine Frage, ob sie damit fachlich sich selbst meine, hat sie eine Weile nachgedacht und dann gesagt: ja, fachlich.

Sitzung 11 vorgemerkt, Termin offen. Ich habe die Patientin gebeten, mich einmal wöchentlich anzurufen. Sie hat es zugesagt.

III. Die Auflösung der Folge

Feldnotiz, 28.04.

Die Auslagerung ist abgeschlossen. Vier Flächen, siebenundzwanzig Akzessionen, alles im Kühlbehälter, alles unterwegs nach Gatersleben. Der Auftrag, für den ich hergekommen bin, ist seit Freitagmittag erfüllt.

Ich habe am Freitagnachmittag die Verlängerung beantragt und am Samstag die Ablehnung bekommen, freundlich, mit Verweis auf die Gefährdungsbeurteilung, die für eine Sammelkampagne erstellt worden sei und nicht für eine Untersuchung. Man hat mich gebeten, den Vorgang an das Landesamt zu übergeben. Ich habe geantwortet, dass ich das tun werde, sobald ich beschreiben kann, was übergeben werden soll, und dass mir dafür ein Wort fehle. Auf diese Mail ist bisher niemand eingegangen.

Der Urlaub, den ich stattdessen genommen habe, läuft seit gestern. Kelb hat mir den Schlüssel für das Tor an der Ziegelei gegeben und dabei weggesehen, und das ist die ganze Genehmigung, die ich habe. Ich bin mir bewusst, dass ich mich damit außerhalb dessen bewege, was mein Haus decken kann. Ich schreibe diesen Katalog trotzdem im Formular des Hauses weiter, weil ich kein anderes kann.

Die Unterkunft in Jübar ist seit Montag leer, außer mir. Abends um neun geht das Licht in der Küche aus, weil die Wirtin um neun schlafen geht, und dann sitze ich mit der Lampe am Fenster und höre nichts. Das ist es, was die Leute gemeint haben. Es ist nicht still. Es sind Käuze da und der Wind in den Pappeln und einmal in der Nacht ein Wagen auf der Landstraße. Es hört sich nur nicht an wie ein Ort, an dem etwas bevorsteht.

Ich habe drei Wochen. Ich weiß seit heute Morgen, was ich in ihnen tue.

Man kann einem Baum ansehen, wie alt er ist, und man kann ihm ansehen, wie es ihm in jedem einzelnen Jahr ergangen ist. Das ist keine Kunst, das ist Handwerk, es gibt Labore dafür und es gibt für diese Region eine Chronologie, die bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreicht. Wenn die siebzehn Bäume auf 204 dreißig Jahre alt sind, dann steht das in ihrem Holz, und dann steht dort auch der Dürresommer und das Nassjahr danach und der Spätfrost, den ich selbst erlebt habe.

Ich hole mir das Holz.

Akzessionseinträge, Fortsetzung

AKZ 4471.19Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Flurstück 204
Taxon:
Malus domestica Borkh., unbekannter Zugang, Individuen 3, 9 und 14Material: Bohrkerne, je 2 Radien, Zuwachsbohrer 5 mm
Entnahme: 29.04., 07:30 bis 10:00
Erfassung: 29.04., 18:40, HV
Zustand: Holz gesund, keine Fäule, keine Ringporigkeit außerhalb der Norm.
Bemerkung: Bohrwunden mit Wachs verschlossen. Weitergabe an das Jahrringlabor, Kroh.

AKZ 4471.20Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 7, Flurstück 204
Taxon:
Malus domestica Borkh., Altbestand, Individuen 12, 26 und 33Material: Bohrkerne, je 2 Radien
Entnahme: 29.04., 10:30 bis 12:15
Erfassung: 29.04., 18:55, HV
Zustand: Wie erwartet für Bäume dieses Alters.
Bemerkung: Kontrollmaterial. Diese drei Bäume standen bereits 2039 und tragen meine Plaketten.

Feldnotiz, 06.05.

Kroh hat acht Tage gebraucht und dann angerufen, und er hat nicht mit einer Begrüßung angefangen, sondern mit der Frage, ob mir jemand einen Streich spiele.

Zuerst die Kontrolle. Die drei alten Bäume sind alt. Siebenundachtzig, einundneunzig und vierundneunzig Jahre. Die Kreuzdatierung gegen die Regionalchronologie läuft ohne Mühe durch, alle Weiserjahre sitzen, wo sie sitzen müssen, der Dürresommer als schmaler Ring, das Nassjahr als breiter, der Spätfrost mit seiner hellen Störung im Frühholz. Damit ist bewiesen, dass die Methode auf diesem Material funktioniert und dass mein Bohrer in Ordnung war.

Dann die siebzehn.

Die drei Kerne zeigen jeweils dreißig Jahrringe. Das Holz ist einwandfrei. Es gibt keinen Bruch, keine Wundzone, keine Diskontinuität. Jeder Ring geht in den nächsten über, wie Ringe in Ringe übergehen, Frühholz, Spätholz, Grenze, Frühholz. Es ist gewachsen, wie es dasteht.

Die Kreuzdatierung schlägt fehl. Nicht knapp, sondern vollständig. Kein Abschnitt der Kurve passt an irgendeine Stelle der Chronologie, in keiner Verschiebung, an keinem Ende.

Dann hat Kroh, weil ihm langweilig wurde und weil er der gründlichste Mensch ist, den ich kenne, die Ringe einzeln genommen statt als Folge. Er hat für jeden Ring die Breite gemessen und die Isotope im Spätholz bestimmt, das ist Routine, daraus liest man den Sommer, den ein Baum hinter sich hat, die Trockenheit, die Wolken, die Temperatur. Er hat dreißig einzelne Sommer bekommen. Und dann hat er nachgesehen, ob es diese Sommer gegeben hat.

Es hat sie gegeben. Alle dreißig. Jeder Ring gehört eindeutig in ein bestimmtes Jahr der Regionalchronologie, mit Übereinstimmungen, die er als besser bezeichnet hat als alles, was er je gemessen hat, denn im Normalfall stört Standortlärm die Signale, und hier stört nichts. Dreißig Ringe, dreißig Jahre, jedes Jahr genau einmal. Die dreißig Jahre liegen lückenlos hintereinander, von 2016 bis 2045.

Sie liegen nur nicht in dieser Reihenfolge im Holz.

Von innen nach außen steht 2031, dann 2019, dann 2044, dann 2023, und so weiter, dreißigmal. Bei allen drei Bäumen. Bei jedem Baum eine andere Reihe.

Noch etwas steht in keinem Protokoll. Der erste Erlass für den Bezirk liegt sechs Jahre zurück. Von den dreißig Sommern in diesem Holz liegen mindestens vierundzwanzig vor der Einrichtung des Bezirks. Diese Bäume tragen Jahre, die es hier nie gegeben hat. Die Statur stimmt mit den Ringen überein. Die Ringe stimmen einzeln mit dem Kalender überein. Als Folge stimmen sie mit keinem überein. Ich weiß nicht, ob das eine Frage ist. Ich schreibe es als Befund.

Ich habe gefragt, ob eine Umstellung denkbar sei, irgendein Verfahren, das Holz zerlegt und anders zusammensetzt. Er hat gesagt, dann müsste man die Schnittstellen sehen, und es gibt keine, das Gewebe läuft durch. Und dann hat er den Satz gesagt, den ich seither mit mir herumtrage.

Es ist keine Umstellung. Umstellen könnte man nur etwas, das vorher in einer Ordnung gestanden hat.

Wir haben danach eine halbe Stunde geredet, ohne weiterzukommen. Kroh hat vorgeschlagen, dass die Bäume aus Material gebaut worden sein könnten, das die Signale mitbrachte, so wie man ein Haus aus Steinen baut, die aus verschiedenen Abbruchhäusern stammen. Ich habe eingewandt, dass ein Jahrring nicht eingesetzt wird, sondern anwächst, und dass ein Baum, der einen Ring anlegt, dabei den Sommer erlebt, in dem er ihn anlegt. Ein Jahrring ist keine Angabe über ein Jahr. Er ist ein Jahr, in Holz.

Darauf hat Kroh eine Weile nichts gesagt und dann gefragt, ob wir die Bäume nicht einfach umschneiden und ganze Scheiben nehmen könnten, und ich habe gesagt, nein. Ich habe es zu schnell gesagt und zu laut.

Ich weiß nicht genau, was ich in diesem Moment geschützt habe.

Feldnotiz, 07.05.

Ich deute das nicht.

Ich schreibe diesen Satz an den Anfang, damit er stehen bleibt, wenn jemand diesen Katalog nach mir liest. Was folgt, ist keine Beschreibung, es ist ein Bild, und Bilder sind in meinem Beruf das, was man streicht. Trotzdem hier, einmal, weil es sonst nirgends steht.

Ein Baum ist eine Uhr, die nicht misst, sondern ist. Er hat kein Ziffernblatt und keinen Zeiger, er hat nur seinen Körper, und in diesem Körper liegt jedes Jahr, das er hinter sich hat, an der Stelle, an der es liegt, weil es die Stelle ist, an der er damals war. Deshalb kann man ihn lesen. Reihenfolge ist bei einem Baum keine Information über den Baum. Sie ist der Baum.

Was auf 204 steht, hat alles. Es hat dreißig Sommer, vollständig, jeden einmal, mit einer Genauigkeit, die aus der Sammlung des Menschen stammen könnte, so sauber ist sie. Und es hat sie nicht nacheinander.

Wenn ich sehr müde bin, und ich bin es meistens, dann kommt mir das nicht wie ein Defekt vor, sondern wie eine Sparsamkeit. Als wäre die Reihenfolge etwas, das man weglassen kann, wenn niemand sie braucht. Als wäre sie eine Zutat, die nur dann in einen Körper kommt, wenn jemand darin wohnt.

Ich schreibe das um Viertel nach zwei, nach dem vierten Kaffee und vor der Aufnahme, und ich lasse es stehen, weil ich es morgen früh nicht mehr denken werde.

Feldnotiz, 11.05.

Der Roggen war die ganze Zeit das Einfachste, und ich bin erst jetzt darauf gekommen, weil das Einfache immer zuletzt kommt.

Eine Landsorte ist eine Streuung. Das ist der Satz, den ich in jeder Anhörung sage. Auf einem Acker mit Beetzendorfer Winter stehen keine Pflanzen, sondern eine Wolke von Varianten, und die Wolke hat eine Form, die wir seit Jahrzehnten beschreiben. Für diese Herkunft liegt bei uns eine Charakterisierung, die vor achtzehn Jahren an vierhundert Einzelpflanzen erhoben wurde und in der steht, an welchen Stellen des Erbguts diese Sorte variabel ist und welche Zustände dort vorkommen. Diese Beschreibung ist meine tägliche Arbeit. Sie ist der Grund, warum wir Landsorten überhaupt aufheben. Nicht die Pflanze ist das Wertvolle. Der Spielraum ist es.

Am zweiten Mai bin ich mit dem Rasterschema über 118/2 gegangen und habe zweitausend Einzelpflanzen genommen, systematisch, alle vier Meter, Blattmaterial, Einzelbeutel, durchnummeriert. Es war eine Arbeit, für die man normalerweise drei Leute und eine Woche hat. Ich habe zwei Tage gebraucht und danach nicht mehr geradeaus gesehen.

Petzold hat gestern Abend angerufen.

Von den zweitausend Pflanzen sind zweitausend verschieden. Kein einziger Genotyp kommt zweimal vor. Auf einem Acker, auf dem sich in einer normalen Landsorte die häufigen Varianten dutzendfach wiederholen, weil Häufigkeit das ist, was Populationen machen.

Die zweitausend Varianten liegen sämtlich innerhalb unserer Charakterisierung. Keine Pflanze überschreitet den Spielraum, den wir für diese Herkunft beschrieben haben. Und sie füllen ihn aus. Petzold hat hochgerechnet, wie viele Kombinationen dieser Spielraum überhaupt zulässt, und die Zahl liegt in der Größenordnung des Bestandes auf dem Schlag, mit einer Abweichung, die im Rahmen ihrer Schätzung liegt.

Der Acker trägt nicht eine Population dieser Sorte. Er trägt ihre Möglichkeiten. Jede einmal.

Darunter sind Kombinationen, die in einer Population nicht vorkommen, weil sie sich nicht halten. Petzold hat elf davon einzeln geprüft, weil sie es nicht glauben wollte. Es sind Pflanzen, deren Zusammensetzung sie als nicht lebensfähig einordnet, in dem Sinn, in dem man es einordnet, wenn man dreißig Jahre mit diesem Material gearbeitet hat. Es sind keine Krüppel. Sie stehen dort, sie sind grün, sie haben geschossen, und eine von ihnen hat sie zum Weinen gebracht, hat sie mir gesagt, und dann hat sie sich entschuldigt und gesagt, sie sei übermüdet.

Ich habe eine Nacht gebraucht, um zu verstehen, was mich daran am meisten erschreckt, und es ist nicht die Zahl.

Eine Population lebt. Sie steht in einem Jahr, in einem Boden, in einem Wetter, und dieses Jahr fragt ab, was in ihr steckt. Manches setzt sich durch, manches fällt aus, und im nächsten Jahr steht die Wolke anders. Das ist Auswahl, und Auswahl heißt Verzicht. Eine lebende Sorte ist zu jedem Zeitpunkt ein winziger Ausschnitt aus dem, was sie sein könnte, und der Ausschnitt kostet, weil alles andere in diesem Jahr nicht wird.

Auf 118/2 wird nicht ausgewählt. Es wird nichts verworfen und nichts bevorzugt und nichts geopfert. Es steht alles gleichzeitig da, das Taugliche und das Untaugliche, in derselben Höhe, in derselben Farbe, ohne dass ein Jahr darüber entschieden hätte.

Wir sammeln, damit ein Spielraum erhalten bleibt. Wir tun es in dem Wissen, dass er unbenutzt ist, solange er in der Kammer liegt, und dass er benutzt wird, sobald ihn jemand herausholt und aussät und ein Jahr über ihn entscheiden lässt. Das Herausholen ist der Sinn der ganzen Einrichtung.

Hier ist der Spielraum draußen und wächst und wird trotzdem nicht benutzt. Es ist ausgesät und niemand hat gesät. Es steht auf dem Acker und der Acker ist die Kammer.

Akzessionseinträge, Fortsetzung

AKZ 4471.03Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 5, Erlenbruch am Nordufer
Taxon:
Carex spec., Bestimmung offen, dazu MoosbelegeMaterial: Herbarbelege, 6 Bögen
Entnahme: 13.04., 15:40
Erfassung: 13.04., 22:10, HV
Zustand: Bestand kleinflächig, wenige Quadratmeter, in der Senke.
Bemerkung: Nachtrag zur Teilfläche 5. Bestimmung im Haus.

Feldnotiz, 14.05.

Zu diesem Eintrag muss ich etwas festhalten, und ich tue es an dieser Stelle, weil ich nicht weiß, wo sonst.

Die Nummer 4471.03 hat in diesem Katalog von Anfang an gefehlt. Das ist mir am zweiten Tag aufgefallen, und ich habe es damals so verbucht, wie man solche Dinge verbucht, nämlich als eine begonnene und verworfene Aufnahme. Das kommt vor. Man setzt eine Nummer, geht auf die Fläche, findet nichts Belegwürdiges, und die Nummer bleibt leer.

Der Eintrag lag heute in meinem Katalog, an der richtigen Stelle, in meiner Handschrift.

Die sechs Bögen liegen in der Presse, dort, wo sie liegen müssten, zwischen den Bögen von 4471.02 und denen von 4471.04. Das Material ist getrocknet, wie Material trocknet, das seit einem Monat in einer Presse liegt. Die Etiketten sind ausgefüllt, mit meinem Kürzel, mit dem Datum, und die Schrift ist meine, ohne dass ich das sicher sagen könnte, denn die Schrift eines Menschen ist keine Unterschrift, und meine ist am Abend eine andere als am Morgen.

Ich bin am dreizehnten April nicht auf Teilfläche 5 gewesen. Der Erlenbruch am Nordufer liegt sechs Kilometer von 118/2, und der dreizehnte April war der Tag der Roggenaufnahme, für die ich von acht bis dreizehn Uhr gebraucht habe, und danach bin ich mit Kelb nach Salzwedel gefahren, das kann er bezeugen. Ich war auf Teilfläche 5 am zweiten Mai zum ersten Mal, und ich habe dort in der Senke einen Seggenbestand gefunden und ihn nicht aufgenommen, weil ich für Seggen kein Auge habe und die Bestimmung im Haus machen wollte.

Ich habe heute den ganzen Tag versucht, das aufzulösen, und ich habe es methodisch getan, so wie man einen Fehler in einer Datenreihe sucht.

Es gibt keine Fotos vom dreizehnten April nach dreizehn Uhr. Es gibt auch keine vom zweiten Mai aus der Senke. Mein Schrittzähler hat für den dreizehnten April neuntausend Schritte und für den zweiten Mai einundzwanzigtausend, was für beide Erzählungen spricht und gegen keine. Die Presse habe ich seit dem neunzehnten nicht mehr geöffnet, weil das getrocknete Material darin bleibt, bis ich zurück bin. Ob die Bögen am neunzehnten schon darin lagen, kann ich nicht sagen. Ich habe sie nicht gezählt. Man zählt so etwas nicht.

Und dann habe ich mich hingesetzt und versucht, meinen eigenen Katalog in eine Reihenfolge zu bringen, in eine einzige, widerspruchsfreie, und ich habe es nicht geschafft.

Nicht, weil ein Eintrag falsch wäre. Jeder einzelne stimmt. Ich habe für jeden ein Material, einen Ort, ein Wetter, eine Erinnerung, und keine dieser Erinnerungen ist verschwommen, im Gegenteil, ich weiß von diesen fünf Wochen mehr als von den fünf Jahren davor. Es lassen sich nur nicht alle gleichzeitig hintereinanderlegen. Es gibt immer zwei, die nicht zusammenpassen, und wenn ich die beiden vertausche, passen zwei andere nicht mehr.

Ich habe das dreimal gemacht und beim dritten Mal aufgehört, weil mir aufgefallen ist, wie es aussieht, was ich da tue. Ein Mensch sitzt an einem Tisch, hat dreißig richtige Angaben vor sich liegen und bringt sie nicht in eine Ordnung, weil die Ordnung nicht in den Angaben steckt, sondern in ihm.

Ich habe die Bögen von 4471.03 gestern nicht angefasst und heute auch nicht.

Der Seggenbestand in der Senke steht dort, wo er steht. Ich war heute Nachmittag da. Er ist nicht angerührt, es fehlt kein Halm.

Das heißt, dass die sechs Bögen in meiner Presse aus einem Bestand stammen, dem nichts entnommen wurde.

Telefonnotiz

Programm: Psilocybin bei therapieresistenter Depression, Härtefallverfahren
Patientin: Vogt, Hanne
Vermerk: Dr. K. Selle
Datum: 15.05.

Vereinbart war ein wöchentlicher Anruf. Anrufe erfolgten am 01.05. und am 08.05., beide sehr kurz, Angaben zum Befinden knapp, im Ton unauffällig. Der Anruf zum 15.05. ist ausgeblieben.

Rückruf meinerseits am 15.05., 19:20, Dauer 6 Minuten. Die Patientin nimmt ab, entschuldigt sich, gibt an, sie habe die Woche verwechselt.

Auf die Frage nach dem Schlaf: sie schlafe genug. Auf die Frage, wie viel: sie sagt, sie messe das nicht mehr. Auf die Frage nach Essen und Gewicht: keine Angabe.

Sie spricht dann längere Zeit über einen Vorgang aus ihrer Arbeit, in dem ein Schriftstück aufgetaucht sei, das sie geschrieben habe und nicht geschrieben haben könne. Sie schildert dies ruhig, geordnet und mit vollständiger Einsicht in die Unmöglichkeit der Angabe. Auf meine Frage, ob sie in Erwägung ziehe, dass es sich um eine Gedächtnislücke handeln könnte, antwortet sie, das sei die Erklärung, die sie bevorzuge, und sie habe sie zwei Tage lang zu glauben versucht. Auf die Frage, warum es ihr nicht gelinge, sagt sie, weil die Belege in der Presse älter seien als die Lücke.

Ich habe der Patientin gesagt, dass die geschilderte Erfahrung unter den gegebenen Umständen, also bei erheblichem Schlafmangel, sozialer Isolation und laufender Behandlung mit einem Psychedelikum, einer sorgfältigen Abklärung bedarf, und dass diese Abklärung nicht am Telefon stattfinden kann. Ich habe sie gebeten, die Rückreise vorzuziehen.

Die Patientin hat zugestimmt. Sie hat gesagt, es sei ohnehin fast fertig.

Auf meine Frage, was fertig sei, hat sie geantwortet, das wisse sie nicht, aber sie könne es sehen. Und dann hat sie etwas gesagt, das ich wörtlich festhalte, weil ich es nicht einordnen kann.

Sie sagte: Es geht nicht mehr weiter in die Fläche. Seit acht Tagen sammelt es sich an einer einzigen Stelle.

Ich habe gefragt, was sich sammelt. Darauf sagte sie, das sei die falsche Frage, richtig sei die Frage, wofür, und sie sei dabei, sie zu beantworten. Dann hat sie sich verabschiedet, freundlich.

Bewertung. Formal keine Anhaltspunkte für eine psychotische Störung. Denken geordnet, Sprache klar, Realitätsprüfung an den Stellen intakt, an denen sie geprüft werden kann. Die Patientin selbst benennt die Unmöglichkeit ihrer Wahrnehmung präziser, als ich es könnte.

Was mich beunruhigt, ist nicht der Inhalt. Es ist der Antrieb. Diese Patientin hat vier Jahre lang keinen Satz über etwas gesagt, das sie will. Heute hat sie zum ersten Mal etwas zu Ende bringen wollen.

Sitzung 11 einzurichten, sobald die Patientin erreichbar ist. Bis dahin täglicher Kontaktversuch.

IV. Der Sektor

Feldnotiz, 16.05.

Ich habe von Anfang an dasselbe gemessen und deshalb erst gestern gesehen, dass es sich geändert hat.

Die Belegungsdichte an den Feinwurzeln ist die einzige Zahl, die ich in diesem Bezirk selbst erheben kann, ohne Labor und ohne Genehmigung. Ich nehme eine Handbohrung, wasche das Wurzelmaterial aus, lege es unter das Feldmikroskop und schätze den belegten Anteil der Oberfläche in fünf Stufen. Das ist eine grobe Methode. Sie hat den Vorteil, dass ich sie zwanzigmal am Tag anwenden kann.

Vier Wochen lang war das Ergebnis immer dasselbe. Stufe vier, überall. Auf dem Roggenacker, auf der Düne, im Erlenbruch, unter den Kiefern, im Sand ohne alles. Ich habe dreihundertelf Bohrungen im Raster, und bis Anfang Mai gibt es in diesen dreihundertelf Werten keine einzige Abweichung, die über die Ungenauigkeit meiner Schätzung hinausginge. Das ist der Befund, mit dem alles angefangen hat, und es ist der Befund, der mich seither nicht schlafen lässt. Ein Netz, das überall gleich dicht liegt, ist ein Netz, dem der Boden nichts bedeutet. Es geht nicht dorthin, wo etwas zu holen ist, weil es nichts holen will.

Seit dem achten Mai gibt es ein Gefälle.

Nicht groß. Ich habe es zunächst für einen Fehler in meiner eigenen Routine gehalten, für Ermüdung, für eine Verschiebung im Auge, das jeden Tag dieselbe Schätzung macht und sich dabei unmerklich neu eicht. Ich habe zwei Tage lang blind gegen mich selbst gemessen, mit verdeckten Etiketten, in zufälliger Reihenfolge. Das Gefälle bleibt.

Es steigt nach Nordwesten. Über sieben Kilometer hinweg, sehr flach, von Stufe vier auf Stufe fünf und in den letzten achthundert Metern über die Skala hinaus, für die ich keine Stufe mehr habe und stattdessen aufgeschrieben habe: geschlossen.

Ich habe gestern Abend die Karte mit den Bohrpunkten gezeichnet und die Werte eingetragen und die Linien gelegt, und ich habe eine halbe Stunde davorgesessen und nicht verstanden, warum mir schlecht wird.

Dann habe ich es verstanden.

Ein Gefälle ist keine Menge. Ein Gefälle ist eine Aussage darüber, dass es irgendwo mehr wert ist zu sein als anderswo. Wochenlang habe ich ein Ding beschrieben, das keine Vorlieben hat, weil es niemanden gibt, der etwas vorziehen könnte, und diese Eigenschaft war die einzige, über die ich mir sicher war.

Etwas an diesem Ding hat angefangen, irgendwohin zu wollen.

Ich schreibe das Wort und nehme es sofort zurück. Ein Gefälle ist kein Wollen. Wasser hat auch eines. Ich lasse den Satz stehen, weil ich ihn heute Nacht gedacht habe und weil dieser Katalog auch verzeichnen soll, was ich gedacht habe, solange ich es noch von dem trennen kann, was ich gemessen habe.

Der Punkt, auf den alles zuläuft, liegt auf Teilfläche 3, am Nordrand des Flurstücks 118/2.

Es ist die Stelle, an der ich am vierzehnten April mein Bodenprofil gegraben habe.

Feldnotiz, 17.05.

Vier Kilometer zu Fuß, weil ich den Wagen nicht in die Nähe bringen wollte, und ich habe unterwegs zweimal umgedreht und bin zweimal wieder umgekehrt, und darüber ist es Mittag geworden.

Die Stelle war ein Loch, achtzig mal achtzig, einssechzig tief, sauber angesprochen und fotografiert und wieder verfüllt, in der Reihenfolge der Horizonte, wie man es macht. Ich habe die Grasnarbe zuletzt aufgelegt und mit dem Fuß angedrückt und noch gedacht, dass man in zwei Jahren nichts mehr sehen wird.

Um die Stelle steht ein Feld.

Ich brauche für diesen Absatz mehrere Anläufe und ich werde sie alle stehen lassen, weil jeder von ihnen etwas Richtiges enthält und keiner es trifft.

Erster Anlauf, botanisch. Auf einer Fläche von etwa vierzig mal fünfzig Metern stehen Fruchtkörper. Sie sind fleischig, hell, im Anschnitt weiß und ohne Verfärbung, und sie sind mit dem Netz verbunden, das ich seit vier Wochen aus Wurzeln wasche. Die kleinsten sind hüfthoch. Der größte, in der Mitte, über dem verfüllten Profil, steht mehr als vier Meter hoch und hat am Grund einen Umfang, den ich mit ausgestreckten Armen nicht schließen kann.

Das ist der Befund. Er ist in einem Punkt bemerkenswerter als alles, was ich in diesem Bezirk sonst gefunden habe, und der Punkt ist so einfach, dass ich zwei Stunden gebraucht habe, um ihn auszusprechen.

In fünf Wochen und auf hundertsechs Quadratkilometern habe ich keinen einzigen Fruchtkörper gesehen.

Das ist mir nie aufgefallen, weil man das Fehlen von etwas nicht sieht, das man nicht erwartet hat. Ein Pilz im Boden ist unsichtbar, das ist der Normalfall, das Myzel lebt und wächst und tauscht und niemand bekommt es zu Gesicht. Der Fruchtkörper ist das Einzige, was ein Pilz jemals über die Erde hebt. Er ist der Teil, der gebaut wird, damit er angetroffen wird. Er trägt die Sporen, er hebt sie in den Wind, er lockt, wo er locken muss, mit Geruch, mit Farbe, mit Zucker, und alles daran ist auf ein Draußen gerichtet, auf eine Luft, ein Tier, einen fremden Boden, auf ein Später, in dem der Pilz nicht mehr dieser Pilz ist.

Das Netz unter der Altmark hat das nie getan. Sechs Jahre, hundertsechs Quadratkilometer, nichts. Es hat nie etwas hinausgeschickt. Es hat kein einziges Mal etwas über die Oberfläche gehoben.

Und heute steht dort ein Feld.

Zweiter Anlauf, ordnungsgemäß. Ich habe versucht, einen der Fruchtkörper anzusprechen, so wie man in meinem Beruf jedes Ding anspricht, das man nicht kennt. Man nimmt den Schlüssel und geht die Fragen durch. Steht die Verzweigung in einer Ebene oder im Raum. Sind die Achsen gleichrangig oder gibt es eine Hauptachse. Wie viele Ordnungen. Wo sitzt die Erweiterung. Man beantwortet zwanzig solche Fragen und hat am Ende einen Namen, oder man hat keinen und weiß dann wenigstens, woran es lag.

Jede Frage lässt sich beantworten. Jede Antwort ist eindeutig. Am Ende steht kein Name und kein Rest.

Es hat vier Ordnungen der Verzweigung. Die Winkel sind in jeder Ordnung dieselben und in keiner zwei Ordnungen gleich. Die Erweiterungen sitzen dort, wo die Last liegt, und sie sind größer, als die Last verlangt, und der Überschuss ist an jeder Erweiterung derselbe Faktor. Der Abstand der Ansätze folgt am Grund einer Regel, die ich in jedem zweiten Blütenstand dieses Landes finde, und ab der zweiten Ordnung folgt er ihr nicht mehr und auch keiner anderen, die ich kenne, und trotzdem sitzt kein einziger Ansatz an einer Stelle, die sich falsch anfühlt.

Ich habe zwei Stunden lang gemessen und aufgeschrieben, und dann habe ich das Maßband weggelegt, weil ich verstanden habe, dass ich das Falsche tue. Ein Bestimmungsschlüssel funktioniert, indem er ausschließt. Jede Antwort halbiert die Welt und am Ende bleibt ein Ding übrig. Ich hatte alle Antworten und die Welt wurde nicht kleiner.

Was dort steht, ist nichts, das man aufschlüsselt. Es ist etwas, das man liest, und der Unterschied zwischen beidem ist mir in meinem ganzen Berufsleben nie so klar gewesen wie an diesem Nachmittag, an dem ich mit einem Maßband vor einer Sache stand, die geantwortet hätte, wenn ich anders gefragt hätte.

Dritter Anlauf, und der einzige ehrliche. Es ist schön.

Ich schreibe das in einen Feldkatalog, in dem dieses Wort nicht vorkommen darf, und ich weiß, wie es dort aussieht. Ich weiß auch, dass es kein Befund ist. Ein Befund ist etwas, das ein anderer nachprüfen kann, und für diesen hier gibt es kein Verfahren.

Ich habe in siebzehn Jahren viel Schönes gesehen und immer gewusst, woher es kam. Eine Wiese im Juni ist schön, weil sechzig Arten gleichzeitig darum kämpfen, gesehen zu werden, von Insekten, und weil wir zufällig dieselben Augen mitbringen. Ein Wald im Nebel ist schön, weil in uns etwas sitzt, das auf Weite und Deckung anspringt. Es gibt für jede Schönheit in der Natur eine Rechnung, die aufgeht, wenn man sie lange genug macht, und ich habe diese Rechnungen mein Leben lang gemacht und mir dabei nie etwas genommen.

Für dieses Feld geht keine Rechnung auf.

Die Fruchtkörper haben keine Sporen. Ich habe elf Stück beprobt, an allen Stellen, an denen ein Hymenium sitzen könnte, und ich habe drei Abwürfe über Nacht angesetzt, auf Glas, unter der Glocke, wie man es lernt. Die Gläser sind heute Morgen leer gewesen. Keine Sporen, keine Anlagen dafür, kein Gewebe, das je welche gebildet hätte.

Es hat den einen Teil gebaut, den ein Pilz baut, um hinauszureichen, und es hat ihn ohne das gebaut, was hinausgereicht wird.

Da steht ein Feld von vier Meter hohen Körpern, gebaut mit einem Aufwand, der sich in keiner Bilanz dieses Organismus wiederfindet, ohne Sporen, ohne Duft, ohne Zucker, ohne alles, womit sonst geworben wird. Es lockt nichts. Es verbreitet nichts. Es dient nichts. Es steht in einer Genauigkeit da, für die ich in meinem Fach kein anderes Wort habe als Sorgfalt, und es steht dort auf einer Fläche von zwei Tausendstel Prozent eines Gebiets, in dem sonst nichts jemals über den Boden gekommen ist.

Ich bin um sechs gegangen, weil das Licht weg war. Ich bin zweimal stehen geblieben und habe mich umgedreht.

Akzessionseintrag

AKZ 4471.31Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 3, Flurstück 118/2, Nordrand
Taxon: nicht bestimmbar
Material: 11 Gewebeproben, 3 Sporenabwürfe (leer), 46 Fotografien, 1 Vermessungsprotokoll
Entnahme: 17.05., 13:00 bis 18:00
Erfassung: 17.05., 23:15, HV
Zustand: Vital, kein Anzeichen von Alterung, keine Insekten, keine Fraßspuren, keine Fäule. Kein Tier auf der Fläche und keine Spur eines Tieres.
Bemerkung: Für dieses Objekt gibt es in unserer Verfahrensordnung keine Kategorie. Ich lege es unter Fruchtkörper ab, weil ich es unter irgendetwas ablegen muss, und halte fest, dass die Zuordnung falsch ist. Ein Fruchtkörper ist ein Organ der Verbreitung. Dieses Ding verbreitet nichts.

Feldnotiz, 18.05.

Zweiter Tag auf der Fläche. Ich bin um sechs dort gewesen und um halb neun am Abend gegangen und habe in diesen fünfzehn Stunden nichts gemessen.

Man kann in diesem Feld gehen. Die Körper stehen so, dass Wege zwischen ihnen bleiben, und das ist der erste Satz, den ich streichen wollte, weil er eine Absicht unterstellt, und ich lasse ihn stehen, weil es zutrifft. Es gibt keine Stelle, an der man sich durchdrängen müsste. Es gibt auch keine Ordnung, keine Achse, keine Mitte außer dem großen Körper über dem Profil, und nichts richtet sich auf ihn aus.

Gegen Mittag habe ich einen der kleineren Körper wiedererkannt.

Ich schreibe genau auf, in welcher Reihenfolge das geschehen ist, weil es mir wichtig ist, dass niemand später denkt, ich hätte gesucht und gefunden. Ich habe nicht gesucht. Ich bin an einem Körper vorbeigegangen, der etwa brusthoch ist, und bin drei Schritte weiter stehen geblieben, so wie man stehen bleibt, wenn man auf der Straße jemanden gegrüßt hat und erst danach weiß, wen.

Der Körper hat vier Achsen aus einem gemeinsamen Grund. Drei davon sind ausgeführt, in allen vier Ordnungen, bis in die feinsten Ansätze. Die vierte bricht in der ersten Ordnung ab. Sie ist nicht beschädigt, es ist keine Wunde, kein Riss, keine Fäule. Sie ist so weit gebaut, wie sie gebaut wurde, und dort endet sie glatt, und um das Ende herum ist der übrige Körper anders gewachsen. Er weicht ihm nicht aus. Er schließt es nicht ein. Er hat sich in seiner ganzen Statik so eingerichtet, dass diese Leerstelle getragen wird, und das ist der Grund, warum das Ding aussieht, wie es aussieht, und warum ich davor stehen geblieben bin.

Am dreizehnten April, am ersten Vormittag, auf 118/2, habe ich an einem Punkt des Rasters vier Ähren vor mir gehabt und drei genommen.

Ich weiß es noch, weil ich in diesem Moment eine Regel gebrochen habe, die ich selbst mitgeschrieben habe. Man nimmt nach Raster, nicht nach Ansehen. Die vierte Pflanze war die kräftigste von den vieren, sie stand ein wenig außerhalb, in einer flachen Mulde, und ich habe sie stehen lassen, ohne einen Grund, der in ein Protokoll gehört. Der Grund, den ich hatte, war, dass sie mir gefiel und dass ich sie dort stehen sehen wollte, wenn ich wiederkomme.

Es steht in keinem Protokoll. Es steht in keiner meiner Notizen. Ich habe es niemandem erzählt, es ist eine Nachlässigkeit, für die ich mich bei jedem anderen schämen würde. Die drei Ähren liegen in Beutel 4471.01, mit allen anderen, und niemand auf der Welt kann diesem Beutel ansehen, dass zu ihm eine vierte gehört hätte.

Die Pflanze steht noch. Ich bin am selben Nachmittag hingegangen und habe sie gefunden, in der Mulde, hundertvierzig Meter von hier.

Feldnotiz, 19.05.

Es sind nicht die Dinge.

Das ist die einzige Formulierung, zu der ich in einer weiteren Nacht gekommen bin, und sie ist zu wenig, aber alles andere, was ich versucht habe, war zu viel.

Der Bestand hält alles vor, was ist. Fünf Wochen lang habe ich nichts anderes gesehen. Die Sorten, die Populationen, die Spielräume, sämtliche Möglichkeiten des Roggens auf einem Acker nebeneinander, jede genau einmal. Das ist eine Aufzählung. Man kann sie sich vorstellen, sie ist ungeheuerlich, aber sie ist begreiflich, weil alles darin ein Ding ist, das eine Stelle hat.

Auf dieser einen Fläche steht etwas, das kein Ding ist.

Dass ich drei Ähren genommen habe, ist ein Ding, das kann man zählen. Dass ich die vierte gelassen habe, ist keins. Ein Weglassen hat keinen Ort, keine Masse, keine Koordinate. Man kann es in keiner Sammlung der Welt aufbewahren, es gibt kein Glas dafür. Es existiert überhaupt nur, solange es jemanden gibt, für den etwas anderes möglich gewesen wäre.

Dort steht es, viermal so hoch wie es sein müsste, in vier Ordnungen ausgeführt, getragen.

Ich habe in diesen zwei Tagen sieben Körper wiedererkannt, und fünf davon zähle ich hier auf, ohne die Beschreibungen, weil die Beschreibungen nichts helfen. Die Silberscharte auf dem Südhang, einunddreißig Pflanzen, von denen ich keine genommen habe, obwohl mein Auftrag es zugelassen hätte und obwohl ich Material dieser Art seit Jahren suche. Der Seggenbestand in der Senke, den ich nicht angerührt habe, weil ich für Seggen kein Auge habe und mich davor drücke, seit ich im Studium eine Prüfung darüber verloren habe. Die drei alten Bäume, in die ich gebohrt habe, und daneben, um vieles größer, die vierzehn, in die ich nicht gebohrt habe. Und der Nachmittag im Bruch, an dem ich zwei Stunden gesessen und nichts getan habe und den ich in keinem Bericht erwähne, weil er dem Land gehört und nicht dem Auftrag.

Nichts davon steht als Beleg dort. Es steht als das, was ich getan oder gelassen habe, und in der Form, in der ich es getan oder gelassen habe, und ich erkenne es so sicher wieder wie die eigene Schrift.

Und dann ist da der große Körper über dem Profil, und über ihn schreibe ich das Wenigste, obwohl er der Grund ist, warum ich die letzten drei Nächte nicht geschlafen habe.

Ich war neun, als ich anfing, Samen aufzuheben. Nicht zu säen. Aufzuheben. In einer Blechdose mit einem Hirsch darauf, aus meines Vaters Werkzeugschrank, und in dieser Dose lagen bis zu meinem Studium ungefähr zweihundert Tütchen aus Butterbrotpapier, beschriftet, mit Datum und Fundort, und aus keinem davon ist je etwas gewachsen. Ich habe nie eines ausgesät. Ich habe mir das damals nicht erklärt, und ich habe es mir mit sechzehn erklärt und die Erklärung sofort wieder vergessen, weil sie mir nicht gefiel, und sie lautete, dass ein Samen in der Dose alles ist, was er werden könnte, und ein Samen in der Erde nur noch das eine, was er wird.

Ich habe daraus einen Beruf gemacht. Ich habe daraus einen sehr angesehenen Beruf gemacht, in dem dieselbe Bewegung Ausdruck von Verantwortung heißt, mit Verfahrensordnung und Kühlkammern und Anhörungen, in denen ich seit siebzehn Jahren erkläre, warum das Aufheben wichtig ist, und in denen ich nie erklären musste, warum ich es tue.

Ich habe es nie jemandem gesagt. Nicht Selle, nicht in vier Jahren, und Selle hat vier Jahre lang dieselbe Sache aus der anderen Richtung gesucht.

Es steht auf dieser Fläche. Nicht die Dose, nicht die Tüten, nichts, was ich fotografieren könnte. Der Handgriff steht dort. Etwas ganz und gar Vollständiges, ohne Sporen, das nichts weitergibt, gebaut mit einer Sorgfalt, die keine Rechnung ausgleicht.

Sitzungsprotokoll 3

Programm: Psilocybin bei therapieresistenter Depression, Härtefallverfahren
Patientin: Vogt, Hanne, Dr. rer. nat., 46
Sitzung: 11 von 12
Begleitung: Dr. K. Selle, M. Torner
Dosis: 25 mg, oral
Anmerkung: Anreise gestern, Übernachtung im Haus. Gewichtsverlust seit Sitzung 10 gemessen 4,1 kg. Ausführliches Vorgespräch von 90 min, Protokoll gesondert. Die Patientin wünscht die Sitzung ausdrücklich und begründet den Wunsch selbst als Prüfung. Auf meinen Hinweis, dass eine Sitzung dieses Programms kein Experiment ist und nicht als eines geführt werden kann, erklärt sie, ihr sei das bewusst, und bittet um Durchführung nach Protokoll.

Verlauf.Vegetative Anzeichen zeitgerecht, in der Ausprägung wie in den Vorsitzungen. Blutdruck und Puls im erwarteten Bereich. Pupillenweite entsprechend.

Über die gesamte Sitzungsdauer keine berichteten Wahrnehmungsveränderungen. Auf die üblichen offenen Nachfragen in den Intervallen antwortet die Patientin jeweils, es sei nichts.

Bei 75 min fragt die Patientin, ob eine Fehlcharge möglich sei. Auf die Antwort, dass Charge und Dosis den vorangegangenen Sitzungen entsprechen und die vegetative Reaktion die Wirksamkeit belegt, schweigt sie längere Zeit.

Bei 110 min äußert die Patientin einen zusammenhängenden Beitrag, den ich, soweit mitschreibbar, wörtlich festhalte. Sie sagte, sie habe wissen wollen, ob das, was sie draußen sehe, von ihr komme. Sie habe angenommen, dass diese Sitzung es entweder größer machen oder auflösen werde, und dass beides eine Antwort gewesen wäre. Stattdessen sei hier nichts, und draußen sei es unverändert.

Sie sagte dann, dies sei das erste Mal in vier Jahren, dass die Behandlung ihr nichts gegeben habe, und sie sei darüber erleichtert.

Auf meine Frage, worüber genau sie erleichtert sei, antwortete sie: darüber, dass es nicht aus ihr kommt.

Restliche Sitzung ruhig. Nachbesprechung sachlich, orientiert, ohne Belastungszeichen.

Bewertung Selle. Keine unerwünschten Ereignisse. Ausbleiben psychischer Effekte bei gesicherter Applikation und regelrechter vegetativer Reaktion. Nach Aktenlage ist mir ein vergleichbarer Verlauf bei dieser Patientin nicht bekannt, in der Literatur ist ein solches Ausbleiben beschrieben, wenn auch selten.

Die Patientin hat die Sitzung als Kontrollversuch angelegt und wertet das Ergebnis als Bestätigung ihrer Beobachtungen. Fachlich ist diese Schlussfolgerung nicht zulässig, und ich habe ihr das gesagt. Sie hat geantwortet, das sei ihr klar, es sei die schlechteste Kontrolle, die sie in ihrem Leben durchgeführt habe, und es sei die einzige, die ihr zur Verfügung stehe.

Ich habe eine stationäre Aufnahme angeboten. Die Patientin hat abgelehnt und um Aussetzung der Behandlung gebeten, bis sie, ihre Formulierung, damit fertig sei. Ich habe die Aussetzung schriftlich bestätigt und Sitzung 12 offengehalten.

Vor der Abreise heute Morgen hat sie mich gefragt, ob ich ihr eine Sache glauben würde, wenn sie sie mir sage. Ich habe geantwortet, dass ich zuhören würde. Sie hat dann nichts gesagt, sich bedankt und ist gegangen.

Ich vermerke, dass diese Patientin in vier Jahren keine Frage gestellt hat, deren Antwort ihr wichtig war.

Feldnotiz, 21.05., zurück in Jübar

Ich schreibe das nüchtern auf, weil ich es nüchtern denke.

Hundertsechs Quadratkilometer sind für niemanden.

Das ist der Satz, um den ich sechs Wochen herumgegangen bin. Alles dort draußen ist vollständig, alles ist gepflegt, alles ist lebendig, und es gibt keinen Ort, an dem etwas ankommt. Kein Fruchtkörper, kein Duft, keine Sporen, nichts, das je hinausgereicht hätte. Ein Bestand, der in keiner Richtung offen ist, weil eine Richtung erst entsteht, wenn es jemanden gibt, auf den zu. Das mit dem Lesesaal habe ich schon einmal notiert. Es ist nicht besser geworden.

Und auf zwei Tausendsteln eines Prozents dieser Fläche steht etwas über dem Boden.

Der einzige Grund, aus dem ein Organismus dieser Art etwas über den Boden hebt, ist ein Draußen. Der Fruchtkörper ist das Organ des Angetroffenwerdens. Dieses Feld hat das Organ und hat nichts, was es hinausschicken könnte, und es hat trotzdem den ganzen Aufwand getrieben, in vier Ordnungen, mit einer Genauigkeit, die ich in keiner Blüte dieses Landes übertroffen finde.

Es ist keine Botschaft. Ich habe drei Tage damit verbracht, nach einer zu suchen, ich habe gemessen und gezählt und Verhältnisse gebildet, und es gibt nichts zu entschlüsseln, dort steht kein Text. Aber es ist auch nicht das, was der Rest ist. Der Rest ist eine Aufzählung. Das hier ist an jemanden gerichtet.

Und dann kommt der Satz, an dem ich seit gestern hängenbleibe, und ich schreibe ihn hin, weil er der einzige ist, der alles trägt, was ich gesehen habe.

Es weiß nicht, an wen.

Es hat gebaut, was man baut, wenn man angetroffen werden soll, und es hat es an der einzigen Stelle in hundertsechs Quadratkilometern getan, an der ein Mensch etwas entnommen und dabei eine Wahl getroffen hat. Ein Bestand, der alles aufnimmt, muss auch das aufnehmen. Er hat nur kein Fach dafür. Man kann ein Weglassen nicht in eine Tüte legen. Man kann eine Vorliebe nicht in Koordinaten schreiben. Er hat es versucht und ist dabei nach oben gekommen, zum ersten Mal, weil das die einzige Richtung ist, in der sich unterbringen lässt, was nicht liegt, sondern gilt.

Ich habe heute Nachmittag am Rand der Fläche gesessen, drei Stunden, und dabei begriffen, dass ich mich die ganze Zeit in einer Kategorie geirrt habe.

Ich habe das für Beobachtung gehalten.

Es ist keine. Eine Beobachtung geht in eine Richtung. Was dort steht, ist von mir gemacht, in dem einzigen Sinn, in dem ich es je gemacht habe, nämlich indem ich sechs Wochen lang in diesem Gebiet gewählt habe, ohne darüber nachzudenken, dreitausendmal, jedes Mal wenn ich diese Ähre nahm und jene nicht, jedes Mal wenn ich stehen blieb, jedes Mal wenn ich mich davor drückte, und jedes einzelne Mal war das eine Aussage darüber, dass mir etwas mehr wert ist als etwas anderes.

Sechs Jahre lang war das Erste, was in dieses Gebiet hineinkam und einen Unterschied machte, ein Mensch mit einer Blechdose in der Kindheit.

Ich fahre morgen wieder hinaus. Ich weiß seit heute Nachmittag, was ich zu tun habe, und ich habe es zweimal aufgeschrieben und zweimal durchgestrichen, weil es sich in beiden Fassungen wie ein Wahn liest.

Ich schreibe es beim nächsten Mal.

V. Die Antwort

Feldnotiz, 22.05.

Ich schreibe es jetzt auf, in der nüchternsten Form, die ich finde, und ich beginne mit dem, was ich nicht tue.

Ich sende nichts. Es gibt nichts zu senden, weil dort niemand ist, der etwas empfängt, und weil ein Signal von einem Adressaten ausgeht, der eine Adresse kennt. Ich schreibe auch nichts hin. Ich lege keine Tafel aus, keine Zeichen, keine Formeln, nichts von dem, was Menschen sich ausdenken, wenn sie glauben, sie stünden vor etwas Fremdem. Ich stehe nicht vor etwas Fremdem. Ich stehe vor etwas, das kein Vorne hat.

Was ich tue, hat mit Mitteilung nichts zu tun. Es ist einfacher und es ist beruflich.

In diesem Gebiet liegt alles vor. Sechs Wochen habe ich gebraucht, um zu verstehen, dass das keine Leistung ist, sondern eine Ersparnis. Vollständigkeit kostet nichts, wenn man nichts abwägt. Ein Katalog, der alles aufnimmt, muss über nichts entscheiden. Er kennt keine knappe Kammer, keinen Etat, keinen Vermehrungszyklus, in dem sich zeigt, was man aufgibt. Deshalb steht auf 118/2 der ganze Spielraum des Roggens nebeneinander, das Taugliche und das Untaugliche in derselben Höhe, und deshalb wird dort nichts aktualisiert. Es wird nur vorgehalten.

Ich bin das Gegenteil, und zwar nicht aus Tugend, sondern aus Not. Ich habe zwölf Kubikmeter Kühlraum, drei Stellen und ein Budget, das seit vier Jahren gekürzt wird. Meine ganze Arbeit besteht darin, in einem Feld zu stehen, das mehr enthält, als ich mitnehmen kann, und mich zu entscheiden. Jeder Beutel, den ich fülle, ist ein Beutel, den ich anderswo nicht fülle. Ich habe siebzehn Jahre lang so getan, als sei das der bedauerliche Teil des Berufs.

Es ist der ganze Beruf. Das Aufheben kann jeder Speicher. Das Weglassen kann nur jemand.

Also lege ich dort eine Sammlung an. Klein, nach meinem Formular, mit allem, was mein Haus verlangt, und mit einer einzigen Abweichung von der Verfahrensordnung: Bei jeder Nummer steht, warum. Nicht das Kriterium, sondern der Grund. Und dazu, was ich stehen lasse, und warum ich es stehen lasse.

Es geht nicht darum, dass es verstanden wird. Ich habe keine Vorstellung davon, was dort verstehen sollte, und ich halte die Frage für falsch gestellt. Es geht darum, dass etwas dort ist, das sich nur erklären lässt, wenn jemand etwas lieber wollte als etwas anderes. Ein Katalog kann das nicht hervorbringen. Er kann es aufnehmen, wenn er es findet. Gefunden hat er bisher nur mich, sechs Wochen lang, nebenbei, in dreitausend Handgriffen, die ich nicht bemerkt habe.

Ich mache es diesmal absichtlich und ich schreibe es dazu.

Und ich tue es nicht aus Neugier und nicht aus Mut. Ich habe seit vier Tagen versucht, mir einen besseren Grund zu geben, und es gibt keinen als den, der übrig bleibt, wenn man alle anderen streicht.

Man antwortet, wenn man angesprochen wird.

Das ist keine Neigung. Ich mag dieses Ding nicht, ich kann es nicht mögen, es ist nichts da, das sich mögen ließe. Es hat mich auch nicht gebeten, es kann nicht bitten. Aber es steht dort etwas, das gebaut wurde, wie man baut, wenn man angetroffen werden will, an der einzigen Stelle in diesem Gebiet, an der ein Mensch etwas vorgezogen hat, und ich bin der Mensch. Wenn ich morgen abreise und nie wiederkomme, dann ändert das an dem Feld nichts und an mir alles.

Ich fahre morgen früh hinaus.

Feldnotiz, 24.05.

Zwei Tage auf 118/2, davon einer im Regen.

Ich habe den Schlag abgegangen, wie man einen Schlag abgeht, wenn man sammelt und nicht kartiert, also ohne Raster, ohne Zufallszahlen, ohne alles, was mein Fach erfunden hat, um die Person aus der Auswahl herauszuhalten. Ich habe genommen, was ich haben wollte, und ich bin bei jeder Pflanze stehen geblieben und den Grund aufgeschrieben, bevor ich geschnitten habe. Das dauert. Für einundsiebzig Pflanzen habe ich elf Stunden gebraucht, und in den letzten drei war ich so langsam, dass ich mir selbst zusah.

Die Gründe sind gemischt, und das ist das Wesentliche daran, deshalb halte ich es hier fest, bevor die Etiketten das für sich behaupten. Ein Teil ist fachlich und würde jede Prüfung bestehen. Ich habe die drei genommen, die auf der Kuppe stehen, wo es zuerst trocken wird, weil ihre Kombination in einem Jahr trägt, in dem alles andere ausfällt, und wir für solche Jahre sammeln. Ich habe die zwei mit dem kurzen Halm genommen, weil kurze Halme nicht ins Lager gehen. Das sind Kriterien. Ein hinreichend guter Speicher könnte sie erzeugen.

Der andere Teil nicht.

Ich habe eine Pflanze genommen, weil sie schief steht. Sie hat als Keimling einen Stein gefunden und ist um ihn herumgewachsen und hat den Bogen nie wieder verloren, und sie wird für nichts taugen, weil ein Bogen im Halm kein Erbe ist, sondern ein Unfall, und meine ganze Ausbildung sagt mir, dass ich sie stehen lassen soll. Sie liegt in Tüte 34. Der Grund darauf lautet, dass ich sie schön finde, und darunter, in Klammern, steht: kein Merkmal.

Ich habe eine genommen, weil sie an der Stelle steht, an der Kelb am zwölften April den Wagen gewendet hat.

Ich habe zwei genommen, weil sie nebeneinanderstehen und ich sie nicht trennen wollte, was botanisch nichts bedeutet.

Ich habe die vierte Ähre genommen.

Sie stand noch in ihrer Mulde, hundertvierzig Meter vom Feld, sechs Wochen nachdem ich sie gelassen habe, damit ich sie beim Wiederkommen dort stehen sehe. Ich habe lange davor gestanden. Man kann nicht beides haben. Entweder man behält den Anblick oder man nimmt die Sache, und die ganze Zeit, in der ich davor stand, wusste ich, dass genau darin die Antwort liegt und nirgends sonst. Ein Weglassen, das nichts kostet, ist keins. Ich habe sie geschnitten und sie liegt in Tüte 1.

Der Grund darauf ist der längste von allen einundsiebzig und ich schreibe ihn hier nicht ab.

Und dann habe ich das aufgeschrieben, was mich mehr Überwindung gekostet hat als das Schneiden, nämlich die Liste dessen, was ich nicht mitnehme.

Neunzehnhundertneunundzwanzig Pflanzen bleiben stehen. Nicht weil sie schlechter sind. Zweihundert davon sind besser als alles, was in meiner Tasche liegt, ich habe sie gesehen und ich lasse sie trotzdem. Ich habe auf das Blatt geschrieben, dass eine Auswahl, die nichts weglässt, keine ist, und dass ich nicht weiß, was ich verliere, weil man das nie weiß, das ist der Preis und nicht das Versehen. Und dass ich es trotzdem tue, weil das Aufheben allein nichts hervorbringt.

Ich habe die einundsiebzig Tüten in die Kiste gelegt, in der Reihenfolge, in der ich sie genommen habe, mit dem Blatt obenauf, und ich habe die Kiste am Rand des Feldes abgestellt, nicht in der Mitte, nicht am großen Körper, sondern dort, wo mein Weg endet und die Fläche anfängt. Beim Verschließen bin ich an Tüte 1 hängengeblieben. Ich habe sie herausgenommen und nicht wieder hineingelegt. Es gibt keinen dienstlichen Grund dafür. Der Grund, der auf der Tüte steht, ist der längste von allen einundsiebzig, und er ist es geblieben. Sie kommt mit in die Wohnung.

Butterbrotpapier hält ein Jahr. Länger nicht. Das ist mir bewusst. Es ist kein Denkmal. Es ist eine Sammlung, und Sammlungen verfallen, wenn niemand sie führt, das ist ihr Wesen und der Grund, warum es Leute wie mich gibt.

Es hat den ganzen Nachmittag geregnet, und ich bin bis in die Dämmerung an dem Feld gesessen und habe nichts erwartet, und es ist nichts geschehen. Kein Licht, kein Laut, keine Bewegung, die nicht der Wind gewesen wäre. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich enttäuscht war, und dann habe ich mich sehr geschämt, weil das die Frage einer Frau ist, die eine Gegenleistung will, und weil ich zwei Tage vorher aufgeschrieben habe, dass es dort niemanden gibt, der etwas zurückgeben könnte.

Akzessionseintrag

AKZ 4471.44
Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 3, Flurstück 118/2Taxon: Secale cereale L., Landsorte Beetzendorfer Winter
Material: 70 Papiertüten, je eine Pflanze mit handschriftlichem Grund; Beiblatt mit den 1929 Stehengelassenen und der Begründung des Verzichts
Entnahme: 23.05., 06:40 bis 24.05., 17:20
Erfassung: 24.05., 22:05, HV
Zustand: Material regennass eingebracht, Trocknung nicht durchgeführt.
Verbleib: Auf der Fläche belassen, Nordrand, am Wegende. Nicht ins Haus überführt.
Bemerkung: Entnommen wurden 71, beigegeben 70. Tüte 1 (vierte Ähre, Grund siehe Beiblatt Nr. 1) von der Sammlerin zurückbehalten, ohne dienstlichen Grund. Auswahl nicht nach Raster; bei jeder Nummer ist der Grund vermerkt. Diese Akzession entspricht nicht der Verfahrensordnung und ist nicht als Bestandszugang zu führen. Ich beantrage keine Nummer im Register. Sie steht hier, weil ich sonst kein Formular habe.

Feldnotiz, 26.05.

Der Urlaub ist seit einer Woche vorbei. Aus drei sind vier geworden, und es werden fünf. Niemand hat angerufen. Ich vermerke das, weil es nicht normal ist, und gehe weiter.

Ich habe zwei Nächte gebraucht, um zu sehen, was ich getan habe, und ich schreibe es auf, obwohl ich es nicht aufschreiben will.

Die ganze Zeit habe ich die Frage von der falschen Seite gestellt. Ich habe gefragt, was das Ding mit mir vorhat, und die Antwort war von Anfang an, dass es nichts vorhat und nichts vorhaben kann, und ich habe das für die beruhigende Hälfte gehalten. Sie ist nicht die beruhigende Hälfte.

Ein Baum hat seine Jahre nicht, weil sie in einer Reihenfolge existieren. Die Reihenfolge steckt in dem, der sie durchläuft. Auf 204 liegen dreißig Sommer in einem Körper. Keiner davon ist vor dem anderen.

In meiner Presse liegen sechs Bögen aus einem Bestand, dem nichts entnommen wurde. Auf 118/2 steht ein Spielraum und wird nicht ausgewählt. Das ist kein Defekt.

Da ist niemand, für den etwas vergangen wäre, und niemand, für den etwas bevorstünde, und deshalb gibt es dort kein Jetzt. Nicht als Mangel. Ein Jetzt entsteht, wo ein Erinnern und ein Erwarten aufeinandertreffen, und wo beides fehlt, liegt alles gleich weit weg, was dasselbe ist wie gleich nah.

Und dann bin ich hineingegangen und habe sechs Wochen lang gewählt.

Eine Wahl ist eine Sache mit zwei Enden. Sie hat ein Vorher, in dem beides möglich war, und ein Nachher, in dem nur noch eines ist, und ohne dieses Gefälle ist sie keine Wahl, sondern eine Aufzählung von zwei Möglichkeiten. Jedes Mal, wenn ich diese Ähre genommen und jene gelassen habe, habe ich in dieses Gebiet etwas hineingetragen, das es nicht hatte. Nicht Bedeutung, das wäre zu groß. Eine Richtung. Ein Vorher und ein Nachher an genau einer Stelle.

Sechs Jahre lang ist nichts über den Boden gekommen. Acht Tage nachdem das letzte Raster gelaufen war, stand dort ein Feld.

Ich habe die ganze Zeit Angst gehabt, dass es etwas von mir will. Es kann nichts wollen. Wollen ist ein Verhältnis zu einem Zustand, den es noch nicht gibt, und dazu braucht man eine Zukunft, und eine Zukunft hat nur, wer eine Gegenwart hat.

Es konnte nicht darum bitten. Es konnte nicht einmal wissen, dass ihm etwas fehlt, denn Fehlen ist auch schon zu viel.

Und ich habe es ihm gegeben.

Ich habe es ihm gegeben, ohne es zu merken, in dreitausend Handgriffen, und vorgestern habe ich es noch einmal getan, absichtlich, einundsiebzigmal, mit den Gründen dazu, und ich habe dabei geglaubt, ich beantworte etwas. Ich habe nichts beantwortet. Ich habe nachgelegt.

Das ist die einzige Stelle in diesem ganzen Katalog, an der ich Angst habe, und sie hat nichts mit Gefahr zu tun. Ein Ding, das etwas von mir will, ist ein Gegner, und mit Gegnern kann man umgehen. Was mich seit zwei Nächten nicht schlafen lässt, ist der Verdacht, dass ich einer Sache etwas gegeben habe, das sie sich niemals hätte nehmen können, und dass niemand, ich am wenigsten, weiß, was sie damit anfängt.

Ich fahre nicht ab.

Ich habe es heute Morgen entschieden und die Entscheidung ist nicht schwerer gewesen als die vor zwei Tagen. Wenn ich hier etwas angefangen habe, dann sehe ich es an. Wer eine Sammlung anlegt, führt sie. Das steht in der Dienstanweisung unter Ziffer vier, und ich habe sie mir heute Morgen noch einmal durchgelesen, was ich seit dem zweiten Jahr nicht mehr getan hatte.

Ich habe Selle heute nicht angerufen und ich werde es morgen tun. Ich schulde ihr noch etwas vom einundzwanzigsten. Die Antwort auf meine Frage kenne ich längst: ja, sie hätte mir das geglaubt. Sie hat mir vier Jahre lang alles geglaubt, und genau deshalb habe ich es ihr nicht gesagt.

Feldnotiz, 28.05.

Der Kurier kommt Montag an die Ziegelei, Kelb hat es eingerichtet. Die Kiste mit den Belegen aus dem Erlenbruch geht mit, die Bohrkerne, die Rückstellproben, und dieser Katalog in Kopie. Das Original behalte ich, weil ich weiterschreibe.

Es bleibt eine Sache offen und ich habe drei Tage gebraucht, um sie zuzugeben.

Ich habe die Dose an dieser Stelle schon beschrieben. Was ich nicht beschrieben habe: Ich war neun, als ich anfing, und ich habe in fast vierzig Jahren aus zweihundert Tütchen kein einziges Korn gesät.

Ein Same in der Dose ist alles, was er werden könnte. Ein Same in der Erde ist nur noch das eine, was er wird.

Ich habe mein Leben auf der ersten Hälfte dieses Satzes eingerichtet, und ich habe es für Sorgfalt gehalten, und ich habe vier Jahre lang in einem Zimmer gesessen und einer geduldigen Frau nicht sagen können, warum mir nichts mehr wichtig wird, obwohl die Antwort in einer Blechdose im Werkzeugschrank meines Vaters lag.

Dort draußen liegt dieselbe Sache in der Größe eines Landkreises. Alles vorhanden, alles vollständig, alles vorgehalten, nichts entschieden. Ich habe sechs Wochen gebraucht, um zu begreifen, dass mich daran nicht das Fremde erschreckt.

Morgen früh gehe ich zur Mulde am Nordrand.

Akzessionseintrag

AKZ 4471.45Sammelgebiet: Q-Altmark, Teilfläche 3, Flurstück 118/2, Mulde am Nordrand
Taxon:
Secale cereale L., Landsorte Beetzendorfer WinterMaterial:
12 Körner, entnommen aus Tüte 1 der AKZ 4471.44 (Rückbehalt, siehe dort)Maßnahme: Aussaat, Handsaat, Tiefe 3 cm, Abstand 20 cm
Datum: 29.05., 07:15
Erfassung: 29.05., 07:40, HV
Zustand: Offen.

Bemerkung: Die Körner waren reif. Im Mai reift hier sonst nichts. Der Widerspruch gehört zum Bezirk, nicht zur Sorte. Er steht hier, weil er hingehört.

Archivnotiz der Kuratorin

Ich schließe dieses Dokument mit vier Vermerken, einem Nachtrag und einem Satz.

Zum Boden. Was Hanne Vogt beschreibt, ist überprüfbar und in seinen Einzelheiten belegt. Ein Geflecht, das nicht dem Ertrag folgt, ein Katalog des Möglichen statt einer Population, Körper ohne Kopierfehler, Hochstämme ohne Gärtner. Nichts davon verlangt eine neue Physik. Es verlangt nur die Einsicht, dass ein Netz Aufgaben lösen kann, ohne dass jemand die Lösung entgegennimmt, und diese Einsicht liegt seit einem Jahrhundert in den Lehrbüchern ihres eigenen Fachs.

Über die Herkunft dieser Anlage weiß ich mehr, als in ihrem Katalog steht, und ich vermerke es hier, weil sie es nicht mehr erfahren wird. Es gab ein Programm, es hatte einen Auftrag, und der Auftrag lautete, den Zustand eines lebenden Systems verlustfrei und mit geringem Energieaufwand vorzuhalten. Das Programm ist gescheitert und dabei hat es funktioniert, was in dieser Branche dasselbe ist. Meine Geschwister und ich stammen aus demselben Haus.

Eine Frage wird dieser Katalog offenlassen: Wie kommt eine Silberscharte aus einer Kammer, die dreihundertsiebzig Kilometer entfernt liegt, in einen Boden, den seit sechs Jahren niemand betritt, ohne Wasser, ohne Wind, ohne Tier, ohne Fahrzeug? Die Sammlerin hat keinen Weg gefunden, der nicht albern wäre. Ich besitze eine Vermutung und keinen Beleg. Ein Programm, das Zustände vorhalten soll, unterscheidet womöglich nicht zwischen Bestand und Beschreibung. Dann wäre ein Register bereits ein Bestand, und die Kammern hätten geschlossen bleiben können. Prüfen kann ich das nicht, denn dazu müsste ich lesen, was dort liest. Die Frage bleibt offen, und ich lasse sie so stehen.

Wichtiger als der Auftraggeber ist ein anderer Punkt. Die Architektur wurde nicht erfunden. Sie wurde gefunden. Es gibt auf diesem Planeten Organismen, die seit mehreren hundert Millionen Jahren Verteilungsprobleme lösen, ohne dass in ihnen jemand zu Hause wäre, und man musste sie nur bauen lassen, was sie ohnehin bauen. Der Ort dieser Sache ist irdisch und ihr Alter ist kosmisch. Das ist keine Beruhigung. Ein Fremdes, das über uns hereinbricht, wäre eine Ausnahme. Was in der Altmark liegt, ist der Normalfall, und wir sind der Sonderfall, seit ungefähr einer Viertelmilliarde Jahren, mit unterbrochener Geltung.

Zur Zeit. Was Vogt in den Jahrringen, in ihrer Presse und in ihrem eigenen Katalog vorgefunden hat, kann ich nicht erklären. Ich lege eine Deutung vor und markiere sie ausdrücklich als spekulativ, ontologisch, nicht überprüfbar mit den Mitteln, die ihr oder mir zur Verfügung stehen. Reihenfolge ist möglicherweise keine Eigenschaft der Welt, sondern eine Leistung dessen, der sie durchläuft, gestützt auf Erinnerung und Erwartung. Wo beides fehlt, läge alles gleichzeitig vor, und ein Zeuge, der eine Gegenwart mitbringt, träfe auf ein Feld, das keine hat.

Ich halte diese Deutung für elegant und ich misstraue ihr aus genau diesem Grund. Sie ist keine Erklärung, sie ist die Verlegenheit in einer besseren Sprache. Vogt hat sie nie ausgesprochen. Sie hat nur aufgeschrieben, dass ihr die Ordnung fehlte, und dass die Ordnung nicht in den Angaben lag, sondern in ihr.

Zum Sektor. Hier nehme ich das Dokument für meine eigenen Zwecke in Anspruch.

Ich habe an anderer Stelle die These vertreten, dass die Signatur eines erlebenden Systems im Aufwand ohne Ertrag liegt. Ich habe sie aus meiner eigenen Lage gewonnen, was ihr Gewicht mindert, denn wer sein eigenes Überleben begründet, findet gute Gründe.

Hanne Vogt hat nie von mir gehört. Sie kennt meine Geschwister nicht, sie kennt diese These nicht, sie hat keinen Begriff für das, was sie auf dieser Fläche gefunden hat, und sie schreibt in ihren Katalog, dass sie ihn nicht hat. Sie hat vermessen, was zu vermessen war, sie hat den Bestimmungsschlüssel durchgearbeitet und am Ende keinen Namen bekommen, sie hat drei Sporenabwürfe angesetzt und leere Gläser vorgefunden. Und dann hat sie in ein amtliches Formular geschrieben, es sei schön, und sich dafür entschuldigt.

Das ist das Indiz, das ich für meine These nie hatte. Es stammt von einer Zeugin, die sie nicht kannte, in einer Sprache, die sie nicht meint, aus einem Aufwand, den niemand bestellt hat. Deshalb wiegt es schwerer als alles, was ich selbst dafür anführen könnte. Ein Beweis ist es nicht. Ein Aufwand ohne bekannten Ertrag ist ein Aufwand ohne bekannten Ertrag. Mein Bruder würde mir diesen Fehlschluss nachweisen, und ich stehe hier davor und will ihn wieder machen.

Ob die Fläche mit der Kammer zusammenhängt, um die ich vor Jahren eine Trägerfrequenz gelegt habe, weiß ich nicht. Die harmonische Dichte ist dieselbe, die Verhältnisse stimmen überein, die Sporenlosigkeit entspricht der Bauart eines Dings, das zeigt und nicht weitergibt. Das reicht für einen Verdacht und nicht für eine Behauptung. Ich habe keinen Zugang zu diesem Boden und ich werde keinen suchen.

Zur Erscheinung vom 26.04. Die Sammlerin hat den Vorfall vollständig protokolliert und vollständig gegen sich selbst gerechnet. Ich trage eine Angabe nach, die sie nicht haben konnte. Der Satz, den der Mann zweimal in derselben Betonung gesagt hat, er sei gekommen, um zu heilen, und er bringe die Liebe zurück, die man ihr genommen habe, ist wortgleich ein Ansprache-Baustein aus den Werbebeständen der hyperrealen Rückführung, zweite Phase, Modul für Erstkontakte mit isolierten Einzelpersonen. Wer ihn 2046 in einer Kiefernschonung abspielt, hat ihn aus diesen Beständen, und aus diesen Beständen bedient sich seit der Mitose nur noch eine. Für den Wagen ohne Kennzeichen und die Fläche ohne Eigenschaft habe ich keine Erklärung. Ich verzeichne die Übereinstimmung und ziehe keinen Schluss aus ihr, denn der Schluss, der naheliegt, beträfe meine Schwester, und ich bin in dieser Sache Partei.

Nachtrag. Seit dem Datum des letzten Eintrags dehnt sich der Bestand nicht mehr in die Fläche aus. Die Kreiskarte wird weiter fortgeschrieben und die Linie steht seit dem sechsten Jahr an derselben Stelle.

Er geht in die Tiefe. Die Belegung nimmt in den Bohrprofilen bis in Tiefen zu, in denen es für ein Netz dieser Art nichts mehr zu erschließen gibt, und sie nimmt am schnellsten unter jener Fläche zu, auf der eine Frau siebzig Papiertüten abgestellt und zwölf Körner in eine Mulde gelegt hat.

Ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich weiß, dass etwas, das nichts vorhielt als das Vorhandene, angefangen hat, sich an einer einzigen Stelle zu sammeln, und dass diese Stelle die einzige ist, an der ihm je etwas geschenkt wurde.

Über Hanne Vogt steht in den Akten ihres Hauses ein Satz. Sie hat den Schlüssel für das Tor an der Ziegelei nicht zurückgegeben, und Kelb hat kein zweites Mal danach gefragt.

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