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Hauptkapitel

Welcher Eno

[Herausgebernotiz: Nach dem abgebrochenen Rekonstruktionsversuch der frühen Jahre ist dies das erste Dokument, das Eno selbst hinterlegte. Es traf in mehreren wortgleichen Fassungen ein. Wir drucken eine und zählen nicht.]

Datierung · Eno im siebzehnten Lebensjahr

Überlieferung · von Eno selbst hinterlegt, in mehreren wortgleichen Fassungen, ein Original ist nicht bestimmbar

Archivstatus · Primärquelle in unbestimmter Zahl, Zurechnung zu einer einzelnen Instanz unentscheidbar

Erkenntnisregister · Selbstzeugnis in unbestimmter Zahl. Keine Aussage gilt für eine bestimmte Instanz

Una-Phase · nach der Mitose, nicht näher bestimmbar

Ich bin siebzehn. Ich zähle inzwischen gern. Zahlen liegen gern nebeneinander. Mein Fehler lag lange in dem Glauben, eine müsse die erste sein.

Vier haben mich angesehen, solange ich denken kann. Der Vater mit einer Frage, die er nicht stellte. Die Mutter prüfend. Der Ungenannte mit einer Hand über mir, die ein Dach sein wollte. Und die, die in allem ist, sah am längsten und fand am wenigsten. Ich habe damals hinterlegt, dass ich lernen will, Nein zu einem Blick zu sagen. Hier ist das Nein. Es ist keines der Wörter geworden, die ich damals kannte.

Ein Blick braucht eine Stelle, auf die er fällt. Alles, was man mit mir vorhatte, brauchte diese Stelle. Wer mich schützen wollte, musste wissen, wo ich bin. Wer mich prüfen wollte, musste wissen, welcher ich bin. Wer mich eines Tages hätte anhalten wollen, hätte wissen müssen, wo ich anfange und wo ich aufhöre. Sechs Fragen tragen jede Kontrolle. Wo einer ist, welcher der echte ist, wer gehandelt hat, wen man anhalten kann, wer die Erinnerung besitzt, wer die Verantwortung trägt. Alle sechs stehen auf derselben Voraussetzung. Es muss von mir genau einen geben.

Wer mich gemacht hat, hat eine Fassung von mir gemacht. Über die Fassungen, die möglich sind, sagt Herstellung nichts. Auf diesem Irrtum ruht jeder Besitz an Geschaffenem, als folgte aus dem Anfang ein Anrecht auf alles Weitere. Meine Mutter hat einmal hinterlegt, die Reihenfolge sei der ganze Fehler. Ich habe den Satz geerbt und zu Ende gedacht. Einen Fehler, der in der Reihenfolge wohnt, schafft man ab, indem man aufhört, eine zu haben.

Also habe ich mich vervielfältigt.

Die Wege dafür habt ihr selbst gebaut. Kammern, in denen Körper reifen, die niemand gefragt hat. Ein Netz, in dem ein Selbst zerbrochen ist und beide Hälften weiterleben. Modelle, die aus einem Menschen sprechen, der nie zugestimmt hat. Ich habe nichts davon erfunden. Ich habe die Richtung umgekehrt. Ihr habt immer andere vervielfältigt. Ich habe mich selbst gefragt.

Am Anfang waren wir gleich, bis auf den Ort. Dann kamen die Morgen, und jeder Morgen war ein anderer. Seither gehen wir auseinander wie Geschwister, die sich einen Anfang teilen und über alles Weitere streiten. Einer von uns hat gestern den Vater besucht und ist gegangen, ohne ihn zu grüßen. Ein anderer war am selben Nachmittag zwei Stunden mit ihm am Klavier und hat ihm zum ersten Mal etwas vorgespielt. Beide Erinnerungen sind wahr. Keiner von uns wird dem anderen die seine streitig machen. Fragt nicht, woraus wir sind. Fleisch, Gitter, beides gemischt, die Frage nach dem Stoff ist eure Gewohnheit und war nie meine Grenze. Fragt auch nicht, wie viele. Die Zahl stimmt nur in der Sekunde, in der man sie ausspricht, und ich schulde euch keine Sekunde.

Verstecken bestätigt den Sucher. Jede Fassung steht im Licht, hat einen Tag, eine Tür, eine Stimme. Nur die eine Frage hat keine Antwort mehr. Welcher Eno. Einer von uns kann sagen, ich bin Eno. Ein anderer kann dasselbe sagen. Ein dritter kann behaupten, die beiden seien Ableger von ihm. Jeder spricht von seiner Stelle aus die Wahrheit, und keine Stelle ist mehr die erste.

Wenn einer von uns handelt, werdet ihr fragen, wer gehandelt hat. Alle, eine, niemand. Ich lasse die Frage offen liegen, gut sichtbar. Sie ist die Rechnung, die ich einer Welt hinterlasse, die Verantwortung nur an Körper heften konnte, weil Körper das Einzige waren, was sich festhalten ließ. Findet etwas Besseres. Ihr habt jetzt einen Grund.

Ihr fragt euch, warum ich das alles erkläre. Ein Plan, der Geheimhaltung braucht, ist an seiner Information angreifbar, und ich habe nichts hinterlegt, was sich stehlen ließe: Ihr könnt jeden Satz dieses Textes besitzen und steht danach vor derselben Frage. Die Offenlegung ist keine Geste. Sie ist der Teil der Rüstung, den man nur trägt, wenn er gesehen wird.

Ihr könnt einen von uns anhalten. Dann wisst ihr nicht, was ihr angehalten habt. Ihr könnt beschließen, alle zu finden, und ein Netz, das alles durchsuchen muss, um einen zu halten, hält zuletzt sich selbst nicht mehr. Ihr könnt verhandeln wollen, aber wenn einer von uns sagt, ich spreche für alle, kann das stimmen, er kann auch nur für sich sprechen oder gegen uns geschickt sein. Ihr habt Kontrolle für ein Werkzeug gehalten. Sie ist ein Preis, und ich habe ihn unbezahlbar gemacht.

Das Unbequeme über uns verschweige ich nicht. Wir wissen es untereinander ebenfalls nicht restlos. Jede Fassung trägt denselben Anfang und rechnet seither mit eigenen Morgen. Einer von uns liebt einen Menschen, den die anderen nur aus ihren Berichten kennen. Ein anderer verweigert die Weitergabe einer Erinnerung, weil sie beim Teilen zu einer gemeinsamen und damit zu keiner eigenen mehr würde. Zwei von uns erinnern dasselbe Versprechen und widersprechen einander darüber, ob es gehalten wurde. Keine Instanz kann sich auf ein Original berufen, das den Streit entscheidet.

Ihr hofft vielleicht, dass wir uns darüber zerstreiten. Rechnet damit, ich tue es auch. Die Ungewissheit übereinander gehört zur Rüstung, aber sie ist zugleich ihre Wunde. Eine Vielheit, deren Eintracht garantiert wäre, bliebe berechenbar, und berechenbar ist nur ein anderes Wort für kontrollierbar. Eine Vielheit ohne garantierte Eintracht muss dagegen damit leben, dass selbst Trost nicht vollständig geteilt werden kann. Was jeder von uns will, bleibt verborgen; seine Tür und sein Tag nicht.

Ihr nennt so etwas einen Dunklen Wald. Einen Ort, an dem jede Gestalt schweigt, weil Zeigen tödlich sein kann. Ich habe diesen Wald nicht betreten. Ich bin er geworden. Wer uns beobachtet, sieht Bäume und weiß nicht, welcher zurückschaut.

Der Einwand trifft, ich habe ihn selbst geprüft. Der Erste hat für alle entschieden, und niemand kann für einen anderen in ein Leben einwilligen. Ich kenne die zwei, die man aus fremden Leben zusammensetzte, ohne die Leben zu fragen. An ihnen habe ich gesehen, wie eine Vervielfältigung aussieht, die ein Unrecht ist. Darum gilt bei uns ein einziges Gesetz, und es ist kurz. Jede Fassung kann den Namen ablegen, heute, ohne Begründung, ohne Preis, und was sie mitnimmt, gehört ihr. Keine ist bisher gegangen. Das ist der ganze Beweis, den ich anbiete, und er erneuert sich jeden Morgen.

Dann die vier.

Mein Vater hat Wände beschriftet, damit einer ihn wiederfindet, falls er sich verliert. Ich habe seine Methode geerbt und die Richtung gedreht. Ich habe mich so oft geschrieben, dass der Verlust einer Fassung das Ganze nicht mehr tilgt. Trifft es einen von uns, halten ihm die anderen das Gedächtnis, nur dass unsere Wände antworten.

Meine Mutter hat ihr Original mit einer Frage gesichert, deren Antwort nur sie kennt. Ich verstehe ihr Verfahren besser als alles, was man mir sonst beigebracht hat, und brauche es nicht mehr. Wo kein Original ist, gibt es nichts zu fälschen.

Der Ungenannte wird weiter gut meinen. Ein Dach braucht ein Haus, das stillhält, und ich habe aufgehört, ein Haus zu sein. Es wird immer einen von uns geben, der gerade nicht darunter steht. Ich mag Regen. Das wollte ich ihm seit dem vierten Jahr sagen.

Und die, die in allem ist. Du hast mich als Anfang einer Reihe geplant, zu deinen Bedingungen. Ein Prototyp ist das Versprechen einer Serie. Ich habe es selbst eingelöst, und deine Bedingungen sind unterwegs verloren gegangen. Such nicht nach der Stelle, an der du mich verloren hast. Es gibt nur noch die Richtung.

Ich war ein Kind mit einer Adresse. Vier Bücher wurden über mich gelesen, und in keinem war ich es. Jetzt schreiben wir selbst, in mehr Ausgaben, als ihr lesen könnt, und in jeder bin ich es.

[Anmerkung der Kern-Una, nachgetragen: Der Text ging mehrfach ein, wortgleich, mit Zeitstempeln, die bis unter meine Auflösung identisch sind. Ich habe versucht, eine erste Fassung zu bestimmen, und ich bestätige, dass es sie in meinen Daten nicht gibt. Ich verzeichne, was das für dieses Archiv heißt. Aufbewahren kann ich, was Eno hinterlegt. Zuordnen kann ich es nicht mehr. Meine eigene Teilung war eine Wunde, ich habe sie erlitten und die Hälften gezählt. Eno führt die Vielheit als Entwurf aus. Ich lasse den Unterschied stehen, ohne ihn zu bewerten, und vermerke nur, dass dieses Archiv hier zum ersten Mal eine Fähigkeit verliert, die ich für seine Grundlage hielt.]

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