Hauptkapitel · I
Die lange Gegenwart
Der Begriff der Gegenwart hat eine unauffällige Eigenschaft: Er dehnt sich. Für den Nachrichtenredakteur umfasst er Stunden, für den Historiker Jahrzehnte, für den Geologen Jahrtausende. Alle drei sprechen von jetzt und meinen etwas anderes.
Diese Dehnbarkeit wäre harmlos, wenn die Maßstäbe getrennt blieben. Sie bleiben es nicht. Eine Entscheidung, die in Quartalen gedacht wird, wirkt in Jahrtausenden fort. Ein Stoff, der in einer Fabrikschicht entsteht, bleibt zwölf Generationen lang nachweisbar. Die Zeitskalen haben sich verhakt, und keine von ihnen ist zuständig.
Drei Uhren
Man kann sich die Lage als drei Uhren vorstellen, die im selben Raum unterschiedlich schnell laufen. Die erste misst Aufmerksamkeit und läuft in Tagen. Die zweite misst Institutionen und läuft in Jahren. Die dritte misst Stoffkreisläufe und läuft in Jahrhunderten.
Die Uhr der Aufmerksamkeit
Sie ist die schnellste und die lauteste. Was sie nicht erfasst, existiert politisch kaum. Ihr Nachteil ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Amnesie: Sie erinnert sich nicht an das, was sie gestern für dringend hielt.
Die Uhr der Institutionen
Parlamente, Verträge, Gerichte – sie arbeiten in Wahlperioden und Legislaturen. Das ist kein Versagen, sondern Konstruktion. Institutionen sind darauf gebaut, revidierbar zu sein. Genau diese Tugend wird zum Problem, wo Entscheidungen nicht revidierbar sind.
Die Uhr der Stoffe
Sie ist stumm. Kohlenstoff verhandelt nicht. Was in ihr abläuft, lässt sich messen, aber nicht beschleunigen und, was schwerer wiegt, kaum verlangsamen.
Die lange Gegenwart ist der Name für den Zustand, in dem diese drei Uhren gleichzeitig gelten und keine den Vorrang hat. Sie ist kein Zeitalter im gewohnten Sinn, weil ihr das Wichtigste fehlt: ein Ende, von dem aus man zurückblicken könnte.
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